Der Liebesbrief
Der Liebesbrief



Es ist der Moment, dem sich der Mensch anvertraut, diesem einzigartigen Gebilde, das sich ebenso aus dem Nichts wie aus der Vollkommenheit des Universums speist, das die Leere wie die Fülle in seinem Körper trägt und kaum gedacht, in einen anderen Moment hinüber gleitet, wo er auf ewig entschwinden muss und doch in alle Ewigkeit bleiben wird. Nähe wie Ferne sind ihm vertraut und wohnen seinem Wesen inne wie Zwillinge, wie zwei Seiten desselben Lächelns, die einander stets verfehlen und dennoch nicht aufhören können, ihre Vereinigung herbeiführen zu wollen.

Es ist der Moment, der von jeher auf Reisen geschickt wurde, wenn Menschen einander mitteilen wollten, der Moment des Fühlens, des Denkens, der Niederschrift des Gedachten, der sich dem Leser später überträgt und im Übertragen sich zu wiederholen trachtet, indem er darin die Zeit außer Kraft zu setzen versucht. Blind einer Illusion vertrauend, erwartet der Impuls der Niederschrift die genaue Reaktion auf seine Gestimmtheit, denn nur auf sie zielt seine Ausführung. Leidenschaftlich Nähe suchend, erreicht er doch stets nur immer dieselbe Ferne, wie sie sich schicksalhaft zwischen allen Wesen ausdehnt.

Der große Moment glüht im Feuer seiner Schönheit, das Licht der Morgensonne erhöht seine Schwingungen und treibt ihn auf ihren Flügeln höher und höher, beleuchtet das dienstbare Material, das sich über die Jahrtausende hinweg verändert und verfeinert, das sich vom groben Stein oder Ton bis zum immateriellen Medium gewandelt hat, wie sich Sprache und Form in eben der lebendigsten Weise verwandelt haben. Doch dieser eine winzige Moment hat alle äußerlichen Wandlungen überdauert, der Herzschlag, der dem geliebten Menschen gilt, er hat sich jeder Veränderung widersetzt. Augenblicklich teilt er sich dem Papier, der Tastatur mit, dringt in sie ein, versetzt sie in Schwingungen, erhitzt, verformt sie, lässt sie hinter der Berührung verschwinden und sich in das Wort verwandeln, das einzige, das gilt und das Bestand haben soll vor dem Empfänger der Botschaft, diktiert vom Augenblick der Empfindung. Und dieser Augenblick bringt die Imagination ins Spiel, denn ohne die Vorstellung vom Objekt seiner Empfindung wäre der Herzschlag im Augenblick verloren und im Sinne des Wortes gegenstandslos geworden, wie wenig auch das innere Bild mit der abwesenden Wirklichkeit übereinstimmen mag. Denn auch der Weg der Botschaft wird nicht in jedem Falle zum Ziele führen, mag er nun ein weiter Weg, ein geringer, ein schwer gangbarer sein oder dem Lichtstrahl gleichen, das Ziel, eben das fremde, so geliebte Herz, nicht zu jeder Zeit wird es mit dem Absender im Gleichklang schwingen, wird vielleicht die Richtung gewechselt, den Sinn verrückt oder verändert haben, und das große, im Niederschreiben so heiße Gefühl trifft auf eine unerwartete Leere, in der es, als sei es verraten, verlischt und verkommt. Denn wie auch der Raum des Weges, beeinflusst seine Zeit in mannigfacher Hinsicht die Wirkung oder die Wirksamkeit des Geschriebenen, indem Zeit den Sinn des Menschen verändert, der vielleicht gewartet hat oder von Unerwartetem überrascht wird und dieser Gestimmtheit die Farbe des Augenblicks hinzufügt, seine eigene Stabilität oder Schwäche, seine Heiterkeit oder seine Melancholie, seine Geneigtheit oder die Schärfe der Ablehnung, den Klang seines Herzschlags oder den Missklang seiner kritischen Analyse, der eine Fortsetzung des Gesprächs in Gefahr bringen oder gar der Lächerlichkeit anheimgeben könnte. Welch ein Wunder mag erwarten, wer seine Worte auf eine so unsichere Reise schickt, welch eine Glückshoffnung beseelt ihn und hält ihn in seiner ichbezogenen Verwundbarkeit gefangen, welche Macht auch räumt er oftmals dem Adressaten über sein Leben oder Verderben, über Gelingen oder Misslingen all dessen ein, das ihn hält, schützt und ihn am seiden Faden des Seins über der herrlich rätselhaften Erde schwingen lässt.



Autor: Erika Dr.Brandner (82 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Mit dem Schreiben dem Leben den schönsten und tiefsten Sinn hinzufügen
Quelle: Sammlung von Betraachtungen