Die Liebe in Zeiten der Pflege
Die Liebe in Zeiten der Pflege


Edeltraud hat schon bessere Zeiten erlebt. Der Greis an ihrer Seite war einmal ihr Held.
Gemeinsam haben sie die halbe Welt und Wolke Sieben erobert.

Sie haben zusammen im Heißluftballon das Tal der Könige von oben betrachtet und so manchen Rosenkranz auf ihrer Pilgerschaft nach Santiago de Compostela gebetet.

Nur als wehmütige Erinnerungsfetzen verbleiben ihr die gemeinsamen sommernächtlichen
Erdumdrehungen in der verlassenen Burgruine in Frankreich, wo sie beim Duft von jungem Bordeaux und blühendem Flieder die Arithmetik der Liebe erforschten.

Heute ist er in seiner Innenwelt gefangen wie der Kern eines versteinerten Pfirsichs.
Aus dem Recken voller frohem Übermut wurde ein schlafender Riese, genährt aus einem Plastikschlauch und schmerzbetäubt von einer seelenlosen Pumpe.

Die Religion und Rilke helfen Edeltraud ein wenig über den Kummer hinweg.
Ihr Herz ist ein Nachtvogel, der von Baum zu Baum fliegt, und von Strommast zu Strommast,
um irgendwo einen flüchtigen Halt zu finden.


Autor: Michael Hannack (51 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Den grundlegenden Satz "In guten wie in schlechten Zeiten" durch Beobachtungen im persönlichen Umfeld ergänzt.
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