Keine Zeit - keine Zeit ??
Keine Zeit - keine Zeit ??

Keine Zeit - keine Zeit ??

Die Eieruhr als Schornstein auf der Zeitfabrik ließ erneut den Sand durchrieseln. Das kleine Kunstwerk aus Holz mit lila Anstrich trug vorne am Fabriktor die Aufschrift:

" W e r Z e i t s t i e h l t , w i r d n i c h t b e s t r a f t ! "

Es ist Melanie's mit 15 Punkten bewertete Abiturarbeit in Kunst, an die ich denken muss, wenn das Wort ZEIT bzw. KEINE ZEIT ins Gespräch kommt.

Wer Zeit stiehlt, wird nicht bestraft: Was ist passiert in den vergangenen Jahrzehnten, dass die Menschen immer weniger Zeit haben, und manch' freundliche Einladung mit den Worten des Bedauerns "keine Zeit" abschlägig beschieden wird ? Warum hat man im Zeitalter der willigen Geschirrspülmaschinen, der schnellen Autos, der massenhaft angebotenen Gefrierkost, der Mikrowellenherde, der pflegeleichten Kleidung und der gut funktionierenden Waschmaschinen nebst Tümmler immer weniger Zeit ? Wer stiehlt sie einem ? Oder sind wir es selbst und unsere Gier nach dem Überalldabeiseinmüssen, dem Wahrnehmen von Zerstreuungen der mannigfaltigsten Art, dem Streben nach Selbstverwirklichung usw., dass uns die Zeit wie warmer Dünensand durch die Finger gleitet ? Schädigen wir uns nicht selbst, wenn wir unseren Erlebnishunger in einem Strudel von Terminen untergehen lassen, der uns die Zeit für aus unserer Sicht vermeintlich unwichtige Dinge nimmt ? Glücks- und Beruhigungspillen haben Hochkonjunktur, damit man dem Stress gewachsen ist, überall mithalten zu können.

Dieses Seminar, jene Freizeit, das wichtige Tennisspiel, die Börsenkurse, der Friseurbesuch, die vielfältigsten Arzttermine, Shopping, die angekündigte Modenschau - überall sollte man dabei sein ? Zeitgeistig betrachtet ist man damit IN, aber es kostet neben Geld auch noch unsere persönliche Zeit. Wir bestehlen uns täglich, indem wir unser aus 24 Stunden bestehendes Zeitkonto regelrecht plündern.

Ich bemühe mich, nicht von diesem Sog erfasst zu werden. Meine Zeit ist altmodisch verfügbar. Und so werde ich auch häufig gefragt: "Dafür haben Sie noch Zeit ? Ich habe dafür keine Minute mehr übrig. Ich bin immer ausgebucht !" Und dann blickt man einen voller Unverständnis an.
Vielleicht setze ich nur andere Prioritäten. Vielleicht gibt mir das gemeinsame Wochenende mit meinem Mann mehr, als das angepriesene Wochenendseminar im Nachbarstädtchen. Vielleicht muss ich nicht auf der Meile in Westerland flanieren. Bedürfnislos sei ich, meinte mein Mann einmal lachend zu mir, und ich frage: Ist das ein Defizit ? Beschert es mir nicht einen großen Gewinn - nämlich ein ausgewogenes Zeitkonto !

Denn: Sie hat keine Kraft und auch kein Gewicht, und dennoch vergeht sie - D I E Z E I T .


© Christine Rehder


Autor: Christine Rehder (83 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Autorin, 1939 im Sudetengau eingeschult, begann alsbald die Feldpostbriefe ihres Cousins zu korrigieren. Später, nach der Vertreibung, schrieb sie auf der Reiseschreibmaschine des Vaters - was immer ihr in den Kopf kam. Außer Zeit brauchte sie zum Schreiben keinerlei besondere Motivation - es war und ist ihr Hobby.
Quelle: Eigene Sammlung von Texten