Verflachende Ringe
Ihre Augen bohrten sich durch Lars Rücken, sehr zentriert, fast exakt in der Mitte beider Schulterblätter spürte er wie sich ihr Blick unangenehm ins Gewebe fraß. Seit Wochen drehte er sich immer zur anderen Seite, egal wohin, Hauptsache er musste sie nicht direkt ansehen. Ihr Atem, der vorher noch eine süßliche Schwere hatte - sogar morgens vor dem Zähneputzen - kam ihm jetzt wie ein schwelender fauliger Gestank vor. Und die Poren ihrer Haut erschienen ihm nicht mehr fein, sondern wie eine kraterhafte Landschaft in deren Vertiefungen der Talg aus dem Boden sickerte wie Öl. Er ertrug sie nicht mehr. Jeden Tag den sie zusammen in einem Bett aufwachten spürte er diesen Blick im Rücken. Es war ein tatsächlich vorhandener, physischer Schmerz, er wäre messbar gewesen, da war Lars sich sicher. Dennoch drehte er sich nicht zu ihr.
Ab und an erzählte sie ihm auch kurz nach dem Aufstehen etwas, wie auch nun, aber er nahm es nicht mehr wahr. Ihre Stimme rauschte leise irgendwo im Hintergrund wie eine entfernte Autobahn. Lars sah sich die Steckdose in der Wand zur linken Seite des Betts an. Miriam lehnte sich nun auf, sah ihm, vorne übergebeugt in die Augen und gab Sätze von sich, die ihm nicht einmal mehr kryptisch vorkamen. Es war nichts mehr, das zu übersetzen gewesen wäre oder bei dem sich der Hörende fragte wozu diese Laute dienten, wie eine fremde Sprache oder Vogelgezwitscher, es waren schlichtweg nur Geräusche ohne Inhalt. Schleifendes Metall, eine dröhnende Lüftungsanlage, mehr nicht. Immer noch starrte Lars die Steckdose an während sie auf ihn einredete. Seltsam kam ihm diese Wandvertiefung vor in der ein langes, weißes Kabel steckte. Auf gewisse Weise organisch, vielleicht mit einer Nabelschnur zu vergleichen. Sein Laptop hing an dieser Nabelschnur, er brauchte sie zum Überleben. Lars Schlafzimmer war einer Gebärmutter ähnlich. Eine Steckdose war ein interessanter Gegenstand und gab auf so vielfältige Weise Vorlagen für metaphorische Bilder. Obwohl er in seinem Leben viel gelesen hatte, meinte er sich nicht erinnern zu können, dass jemals in einem dieser Bücher auf besondere Weise eine Steckdose behandelt wurde. Vielleicht sollte er einmal so etwas festhalten, ein jungfräulicher literarischer Gegenstand, das wäre doch etwas. Als Lars sich umwandte war Miriam schon aufgestanden, er hörte durch den Flur die Dusche laufen.
Am Frühstückstisch verteilte Lars Johannisbeermarmelade auf seinem mit Hüttenkäse bestrichenen Weltmeisterbrötchen. Die Sonne warf einen verzerrten Grundriss des Fensters über den Esstisch und den Küchenboden. Es war ein warmer angenehmer Tag. Miriams Haare waren noch nass und wurden von einer großen Haarklammer über ihrem Kopf zusammengehalten. Mit starren Augen, sah sie aggressiv über den Brötchenkorb hinweg zu ihm rüber. Es kam zu einem kleinen Streit bei dem Lars sich passiv verhielt und viele Problempunkte mit einem Schulterzucken kommentierte. Diese Teilnahmslosigkeit machte sie rasend. Dennoch versuchte Miriam beherrscht auf ihn einzugehen. Lars dachte derweil, dass ihre Haarklammer wie eine Venusfliegenfalle aussieht, ein interessantes Design. Die Kaffeeoberfläche zitterte in den Tassen. Aus geringem Abstand, aber doch mit gewissem Druck schlugen ihre Handflächen auf dem dunklen Holz auf. Er beobachtete den Kaffee, die nervösen Ringe verflachten langsam. Alles verflachte langsam.


Autor: Stephan Gräfe (27 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Themen zu umkreisen, die mich beschäftigen bis sie mich nicht mehr interessieren. Einen künstlichen Raum zu schaffen in dem ich, wie auch die Lesenden eine Erfahrung machen können, die in irgendeiner Form eine neue Empfindung auslöst - egal ob sie nun positiv oder negativ sein mag.
Quelle: