Skatrunde
Skatrunde
Die Ostsee, die hat was. Ein kleines Meer, weiß man, während es tost und braust, die Wellen den Strand klauen, weiß wie Zucker.
Ja, die Ostsee, die hat was. Wie der Wind sanft dein Gesicht streichelt..., das gibt es nirgends, nirgends sonst auf der Welt.
Es war Herbert, der ins Schwärmen geriet.
Hm, räusperte sich der ältere Mann linkerhand, ich weiß, ich weiß, ein schönes Fleckchen und das Meer, der Wind, die Abendsonne ....., wenn ich an Gustav denke, ist mir immer noch alles verleidet.
Gustav war ein Kater, fett, grau gestreift, der seiner Herrschaft auch im Urlaub anhing, fügte Rudi erklärend hinzu.
Ja, so Rudi weiter, in jungen Jahren war ich oft an der See, dann klappte es nicht mehr, kein Quartier, kein Urlaubsplatz. Dann klappte es doch einmal, nur in den Herbstferien, egal, die Ostsee, die hat was, die Landschaft, die Brandung, nichts wie hin.
Alles war leer, auch die Gaststätten, an sich sowieso ein Witz
Die Gastronomie war überall eine Katastrophe. Unsere Erwartungen diesbezüglich waren gering.
Das Ferienheim wenigstens war komfortabel.
Selbstversorgung, das kriegten wir hin mit unserer Kühltasche aus Berlin, und Brötchen gab es vom Bäcker. Vorsichtshalber sagten wir nicht Schrippen, ein Ferienplatz an der See, selbst im Herbst, verlangte Selbstverleugnung.
Außer uns war noch eine Familie da, Vater, Mutter, zwei Kinder. Diese Leute gaben sich so verhalten wie wir, das war üblich im Osten. Wer sich nicht kannte, ließ lieber Vorsicht walten. Man traf sich hauptsächlich in der Küche, die Frauen freundeten sich etwas an, die Kinder und die Männer weniger bis gar nicht, wegen Gustav.
Dieser Kater hatte es auf mein Bett abgesehen, so fett er war, kam er irgendwie durch jede Ritze.
Frau und Tochter hätten ihn zuvor schon mehrfach verscheucht ohne es zu sagen, erfuhr ich hinterher.
Als er nachts auf mein Gesicht sprang, wurde ich sehr ungehalten. Das Vieh, sonst friedlich, ließ sich nur mit Mühe aus dem Fenster schmeißen, es fauchte, kratzte, gebärdete sich wie wild, mein Arm war tagelang voller Kratzspuren.
Am nächsten Morgen beschwerte ich mich noch vor dem Duschgang bei der Familie. Die war gerade, rücksichtslos laut, ausgehfertig zum Angeln, der fette Gustav wurde eben irgendwohin gesperrt, jede Verzögerung nahmen diese Leute als persönliche Beleidigung.
Ich im Schlafanzug, ziemlich erbost über die allzu frühe Störung. Sie lachten nur, nahmen flugs ihr Angelzeug, ein ortsansässiger Fischer wartete schon.
Abends wiederholte ich nicht sehr freundlich meine Beschwerde. Jetzt hätte er seine Spur gelegt, dann würde er auch nicht mehr pinkeln, sagte der Angler ungerührt, die Kinder kicherten.
Ich war bedient, den Fleck auf meiner Bettdecke konnte ich nun zuordnen.
Gustav fand sich noch mehrmals auf meinem Kopfkissen ein, trotzdem habe ich ihm nie einen Tritt versetzt, wie die Angler unwirsch behaupteten. Er wäre ein sensibles Wesen, von der Familie nichts als geliebt. Durch uns leide er an Angststörungen, sagten sie unisono.
Da musste ich lachen, unsensibel, mitten in die familiäre Empörung hinein.
Im Dorf galten wir als Katzenfeinde, sozusagen als Tierquäler, die Angler, keine Berliner, waren äußerst kommunikativ mit den Einheimischen, uns schnitt man. Sachsen und Fischköppe, jeweils eine eigene Spezie, anpassungsfähig, einander herzlich verbunden im sozialistischen Einerlei.
Maulige Bedienung in der einzigen Gaststätte zu miserablem Essen, beim Bäcker waren plötzlich die Brötchen alle, Schikanen über Schikanen häuften sich. Den Sohn der Angler erwischte ich gerade rechtzeitig an meinem Reifenventil.
Nee, das reichte, wir reisten früher ab. Nie wieder, schwor ich mir, gut, die Ostsee kann nichts dafür. Trotzdem, da will ich nie mehr hin, was sitzt, das sitzt.
Rudi teilte kopfschüttelnd die Karten aus, seine Mitspieler grinsten.
Ich fahre in zwei Wochen auf den Darß, lachte Herbert. Mein Freund da oben räuchert alles, was ich fange. Soll ich dir einen Aal mitbringen?
Ich passe, sagte Rudi.
Herbert nahm den Skat auf.




Autor: Kathrin Knebusch (71 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Schreibzwang
Quelle: Die Autorin selbst