Amadou
Christina Raack
Amadou


„Amadou! Amadou!“, ruft Mbaye und winkt von dem kleinen, staubigen Fußballplatz zu seinem Freund herüber. Aber Amadou reagiert nicht. Er steht ein ganzes Stück abseits des Spielfelds und blickt in Richtung des Wassers.
„Amadou, komm schon, du kannst Messi sein“, versucht es Mbaye, aber sein Freund zeigt auch darauf keine Reaktion. Er steht nur da, ganz reglos, und scheint etwas zu beobachten, das sich am Strand abspielt. Mbaye folgt seinem Blick und versucht zu erkennen, was es dort so Interessantes zu sehen gibt. Im Licht der untergehenden Sonne kann er schemenhaft eine Gruppe von Männern erkennen. Sie stehen an einer der großen, bunten Pirogen und diskutieren über etwas. Er sieht ihre langen Arme, die aufs Meer hinauszeigen.
Nichts Ungewöhnliches, findet Mbaye. Die Fischer stehen doch ständig beieinander und schimpfen über ihre mageren Fänge. Warum interessiert sich Amadou so dafür? Es muss noch etwas anderes dabei sein, denkt Mbaye. Aber was? Aus seinem Augenwinkel sieht er den zerfetzten Lederball an sich vorbeifliegen.
„Hey, pass doch auf“, schreit einer der anderen Jungen.
„Ja, schon gut. Ich komm’ gleich wieder“, gibt Mbaye genervt zurück „aber ich bleibe Zidane!“
Widerwillig läuft er vom Platz und zu seinem Freund.
„Amadou, was machst du? Was stehst du hier rum?“
Mbaye schaut abermals in Richtung der Männer und erkennt, dass sie an der Piroge von Badou, Amadous Vater, stehen.
„Ich kann ab morgen wieder zur Schule“, sagt Amadou. Seine Stimme klingt entgegen dieser guten Nachricht vollkommen leer. Mbaye sieht ihn erstaunt von der Seite an.
„Aber dann – hey, sag mal, weinst du?“
Geräuschlos sackt Amadou zusammen und fällt mit den Knien in den Sand. Er schlägt die Hände vors Gesicht.
„Er hat immer gesagt, dass ich sie eines Tages haben soll.“ Er schluchzt. „Das ist alles meine Schuld.“
Mbaye steht ratlos neben Amadou und stubst ihn unbeholfen mit der Hand gegen die Schulter.
„Was meinst du denn?“
„Da!“ Amadou zeigt aufgebracht und mit verzerrtem Gesicht zu den Männern am Strand. „Er hat sie verkauft, nur weil ich unbedingt wieder zur Schule gehen wollte!“
Mbaye kniet sich nun ebenfalls in den Sand. Sein Gesichtsausdruck ist plötzlich hart.
„Mein Vater hat seine Piroge auch verkauft, aber ich kann trotzdem nicht zur Schule gehen.“
Amadou erwidert nichts. Er wischt sich mit dem Arm die Tränen fort, und für eine ganze Weile sitzen die beiden schweigend da. Mit dem Hereinbrechen des Abends ist ein leichter Wind aufgekommen und das Meer in Unruhe.
„Ich glaube, wenn wir unter Wasser leben könnten“, sagt schließlich Amadou, „wäre alles leichter.“
„Du meinst, wenn wir Fische wären?“
„Nein, wenn wir so wären wie jetzt, aber eben unter Wasser.“
„Hm, ich weiß nicht. Was soll das bringen?“, fragt Mbaye.
„Naja, unter Wasser gäbe es keine Pirogen, keine Schule – und Geld, Geld gäbe es auch nicht. Alle Sorgen wären weg.“
Mbaye schiebt die Unterlippe vor und zieht die Stirn kraus.
„Ja, schon“, sagt er wenig überzeugt. „Aber unter Wasser kann man nicht Fußball spielen und dann ist es doch total langweilig.“
„Du immer mit deinem Fußball“, sagt Amadou und steht auf.
Die Sonne ist mittlerweile am Horizont versunken und für die beiden ist es Zeit, nach Hause zu gehen. An der schmalen Gabelung, die ihre Wege trennt, sieht Amadou Mbaye hinterher. Die weiße 10 auf seinem Rücken leuchtet im Dämmerlicht. „Zidane“, liest Amadou.
Morgen, denkt er, morgen bringe ich Mbaye alles bei, was ich in der Schule gelernt habe.
- - -

Aber es gibt kein Morgen.
„Die sind weg“, sagt die Nachbarin von Mbaye. Sie sitzt auf einem Schemel vor ihrer Hütte und macht eine wedelnde Handbewegung. „Europa!“, sagt sie nickend und mit großen Augen.
Die Schulbücher in Amadous Arm wiegen schwer, und als er den Strand erreicht, lässt er sie einfach fallen. Er blickt hinaus in die große Ferne und flüstert: „Mbaye – Europa.“
Hätte er gewusst, wo sein Freund ist, er hätte ihm einen Ball gewünscht – auf den Grund des Meeres.

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Autor: Christina Raack (36 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Das Thema „Flucht“ hat mich, wie wohl viele, durch die aktuellen Geschehnisse sehr beschäftigt und für mich immer wieder die Frage aufgeworfen, wie es für den Einzelnen möglich ist, sich einzubringen und einen sinnvollen Beitrag zu leisten.
Das Schreiben gibt mir die Möglichkeit, aus dem Gefühlzustand der Hilflosigkeit herauszutreten. Ich kann etwas tun und im besten Fall auch andere erreichen oder zum Nachdenken anregen.
Quelle: Die Autorin selbst