Zwischen Monolithen aus Glas und Granit
Von Wand zu Wand spinnen sich Fäden. Dichte, dünne, klebrige Netze. Durchsichtig sind sie und wir können sie kaum spüren. Die Mauern aus rotem Granit halten sie fest zusammen und geben Halt. Auf einem dieser Netze sitzt ein Kapuzineräffchen, es öffnet mit seinen flinken Händen eine Mango.
„Die Fäden sind klebriger geworden, Nick“, meint es zu einem Clown. Dieser trägt einen spitzen weißen Hut mit bunten Knöpfen, eine Clownsnase, viel Schminke im Gesicht und überlange, bunte Kleidung.
„Oh ja, mein Äffchen, da hast du recht. Gefällt mir gar nicht. Nicht, dass die noch reißen.“
„Du meinst, er könnte...“
Der Clown seufzt. „Früher oder später würde er es doch sowieso, das wussten wir doch.“
„Ja, das stimmt.“
Das Äffchen pult das süße Fruchtfleisch aus der Mango. „Aber wenigstens sind die Mangos noch gut.“

* * *

Wasser rinnt in den Abfluss des Waschbeckens. Robert streicht sich das Haar nach hinten und atmet tief durch. Dann wählt er die Nummer.
„Sorry, Schatz, aber... Ich muss noch ein wichtiges Projekt beenden, ich kann heute leider nicht nach Hause kommen, werde mich hier auf einen Schlafsack legen... Nur noch diese eine Nachtschicht, versprochen!“
Das wäre geschafft. Er rückt seine Brille zurecht, fährt sich über die Lippen und knöpft den obersten Knopf seines Hemdes zu. Wieder blickt er in den Spiegel. Dann nimmt Robert seine Aktentasche und begibt sich zurück zu seinem Arbeitsplatz.

* * *

Es ist schon interessant, wie Graphen steigen und fallen. Es gibt keine Kontinuität, ein ewiges Auf und Ab. Mal brüllt der Bär, mal schnauft der Bulle. Aber immer ein ganz emsiges Treiben, in einer Sekunde kann das Bild schon wieder ganz anders aussehen. In einer Sekunde kann eine Firma von Weltrang Bankrott gehen. In einer Sekunde kann ein neues Start-up erblühen. Alles ist möglich. Wir leben im Zeitalter der Unbegrenztheit und dennoch ist das Überleben so hart wie nie zuvor.

* * *

Roberts Augen huschen wie wild über den flimmernden Bildschirm. Seine Finger rasen über die Tastatur, zwischendurch greift er zum Energydrink und weiter. Er muss das Zeugs heute fertigstellen. Die Desktopuhr zeigt 18:56 an. Robert beginnt zu schwitzen. Er ist allein auf Arbeit und muss das jetzt noch schnell fertigstellen. Die Schreibtischlampe flackert. Egal, notfalls macht er das halt im Bildschirmlicht, es muss nur fertig werden. Dort noch eine Grafik, dort noch ein Informationstext – Wo hatte er die Präsentationsmappe hingelegt? - Scheiße, PowerPoint ist abgestürzt! - Es ist nur noch wenig Tinte im Drucker, Mist! - Robert steht auf, fährt sich durchs Haar, tritt ans Fenster, blickt von oben auf die Skyline der Stadt, während der Computer die Änderungen abspeichert und der Drucker sein Werk tut.
Doch plötzlich entdeckt er beim Überfliegen der Ausdruckes, dass er die Seitenzahlen vergessen hat. Und auf Seite drei ist noch ein Kommafehler. Und den Text auf Seite zehn findet er Müll. Und auf Seite acht steht „dass“ mit ß. Und einmal „der“ mit Doppel-R. Und „nämlich“ mit h. Und irgendwie sollte er kreativere Konjunktionen verwenden. Und wer sagt überhaupt noch „deteriorieren“? Verdammt, es ist 21:04, er sollte das schnell noch optimieren. Nochmal Energydrink, aber irgendwie wird ihm schlecht.

* * *

Die Fäden erzittern. Sie sind zum Reißen gespannt. Das Kapuzineräffchen zupft an einem herum.
„Lass das!“, schreit Nick der Clown, „Das überstrapaziert ihn nur noch! Wir sollten ganz ruhig bleiben und versuchen, ihn zu entspannen.“
Der Clown holt eine Stradivari aus seiner übergroßen Hose und spielt ein paar Töne von Händels „The Triumph of Time and Truth“ und das Kapuzineräffchen fängt damit an, auf Italienisch dazu zu singen. Jedoch brechen beide das sofort wieder ab. Die Stradivari ist verstimmt. Dem Clown zittern die Hände. Das Kapuzineräffchen ist heiser.
Stille. Dann bebt das ganze Granit.


Autor: Lukas Friedland (18 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich finde literarische Verdichtungen der Arbeitslandschaft des 21. Jahrhunderts im Zusammenspiel mit psychischer Belastung sehr spannend. Ganze Generationen von Menschen stehen heutzutage unter einem enormen Leistungs- und Zeitdruck, der nicht selten in eine akute psychische Krise führt. Wir leben in einem sehr schnellen Zeitalter und der Taumel der Jahrhundertwende ist in seinem Echo noch immer vollständig zu spüren. Steigen wir auf oder fallen wir? Das ist die große Frage.
Quelle: der Autor selbst