Rebellion
Man sagte uns, es sei die einzige Möglichkeit, um unsere Leben zu retten. Von höchster Ebene kam der Befehl, uns zu unserer Befreiung zu führen, damit wir in Frieden Leben konnten.
Wir erreichten eine umzäunte Anlage und der Anblick erwies sich als schockierend: Auf den Türmen rund um das Gelände standen bewaffnete Soldaten, die stets ein Auge auf die Menge hatten. Ihre gepanzerten Uniformen informierten uns mahnend, dass es dort draußen eine Bedrohung gab. Man erzählte uns immer wieder davon, doch kannten wir sie nicht einmal.
Angespannt warteten wir ab, was auf uns zukam, doch wir blieben trotz allem ruhig. Zu meiner Erleichterung waren auch meine Eltern bei mir, als die Befreiung begann. Sie waren sicher, genau wie ich.
Die Soldaten hatten bereits vor unserer Ankunft einen enormen Bildschirm an einer der Wände des Lagers verbaut, auf dem plötzlich unser Regierungsleiter erschien.
„Bürger unserer schönen Stadt, hört mir zu. Ihr seid hierher gebracht worden, um diesem Alptraum zu entkommen. Glaubt mir, bald wird das Problem, das unsere schöne Heimat befallen hat, aus dem Weg geräumt sein“, sagte er in seiner Ansprache und sogleich wurde das Bild schwarz.
Die Anspannung der Meute um mich herum war deutlich spürbar und meine Eltern wirkten ratlos. Ich glaubte nicht, dass es sich um eine Befreiungsaktion handelte und wollte meiner Meinung offen kundtun.
„Was soll dieser Mist? Wieso wird uns nicht verraten, was dieses Problem überhaupt ist?“, fuhr es ungezügelt aus mir heraus.
„Seid ihr wirklich alle so dumm? Begreift ihr immer noch nicht, dass niemand das Problem so gut kennt wie ihr?“
Die Erkenntnis schoss mir durch den Kopf. Wir waren das Problem. Aus diesem Grunde hatte man uns hierher geführt – nicht um uns zu befreien, sondern um uns zu vernichten.
„Wir sollen das Problem sein? Was haben wir denn getan?“, erkannte es ein weiterer Insasse am anderen Ende der Menschengruppe.
„Nun bleibt alle schön still, dann passiert euch auch nichts. Noch nicht“, verspottete einer der Soldaten uns. „Glaubt ihr wirklich, der Chef will, dass ihr ärmlichen Bettler ewig an den Zitzen der Regierung saugt?“
Das war also der Grund. Wir waren Menschen aus einem ärmlichen Gebiet und auf die Hilfe des Staates angewiesen, darum wollte man uns beseitigen. Die Meute schrie auf, als ihr bewusst wurde, dass dieser Ort der Letzte sein würde, an dem sie jemals waren.
Meine Mutter und mein Vater stürmten an mir vorbei und nahmen teil an der Rebellion, die nun im Lager veranstaltet wurde. Ich versuchte, sie einzuholen und aufzuhalten, doch ich wurde von dem wütenden Menschenmob niedergetrampelt.
Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich, wie meine Eltern und andere Leute die Soldaten niederschlugen, um ihre Waffen zu entwenden. Nicht lange dauerte es, dann sah ich jedoch, wie ihnen der Aufstand zum Verhängnis wurde. Die gesamte Meute – bestehend aus ungefähr zehn Menschen – wurde, einschließlich meiner Mutter und meines Vaters, abgeschlachtet.
„Mama, Papa“, rief ich mit Schmerz in der Stimme und stürmte durch die wütende Menge, um zu ihnen zu gelangen.
Ein Soldat stellte sich mir in den Weg und richtete seine Waffe auf mich. Meine Gedanken waren wie abgeschaltet und so entschied ich mich, ihn anzugreifen. Wieder und wieder verpasste ich ihm mit meinen Fäusten Schläge, bis er schließlich zu Boden ging.
Ich nahm seine Waffe, um mich der Rebellion anzuschließen. Obwohl ich mich mit dem Maschinengewehr, das ich nun besaß, nicht auskannte, benutzte ich es, als hätte ich täglich trainiert. Es war wohl der Adrenalinschub.
Schnell holte mich allerdings die Realität ein: Meine Eltern waren tot. Schon außerhalb des Lagers war unser Leben kaum lebenswert. Nun waren wir hier, zusammengepfercht wie Tiere. Es muss wohl Schicksal gewesen sein, dass alles nun zu Ende war. Wir hätten zwischen den Zeilen lesen sollen, was diese Befreiung wirklich war. Die letzte Hoffnung entwich aus mir und ich sank zu Boden. Ich spürte den Lauf einer Waffe an meinem Kopf. Da war es also: mein Ende.


Autor: Dominik Wulf (27 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Das Schreiben wurde für mich über die letzten Jahre hinweg immer bedeutender und es hat inzwischen einen wichtigen Platz in meiner Freizeit eingenommen. Meiner Meinung nach ist das Verfassen von Texten eine der besten Möglichkeiten, seinen kreativen Gedanken einen Ausdruck zu verleihen. Wenn es darum geht, ein Projekt zu durchdenken, plane ich zunächst die grundlegenden Schritte und setze sie um. Während des Verfassens baue ich meine vorherigen Überlegungen weiter aus und sorge dafür, dass sie eine gute Umsetzung finden, denn ich bevorzuge eine flexible Art des Arbeitens und folge bei meinen Geschichten selten einem strengen und vorab bis ins letzte Detail gestalteten Aufbau. Zum Schluss erfolgt die Korrektur meiner Texte, um die noch vorhandenen Fehler zu beheben. Kann ich nach dem Schreiben auf ein fertiges Dokument blicken, erfüllt es mich mit Stolz und Zufriedenheit, denn ich weiß, dass ich etwas erschaffen habe, das für mich einen großen Wert besitzt.
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