Lebensträume
Sie sitzt in diesem Lehnstuhl aus braunem Korbgeflecht. Wippt vor und zurück. Vor und zurück. Wie das stete Schwappen der Wellen am Meer, an dem sie einst einmal mit ihm war.
Ein Windhauch löst eine Strähne aus ihrem zu einem lockeren Knoten befestigten Haar. Lässt sie um ihr Gesicht tanzen, so wie sie einst getanzt hatte, mit ihm.
Ihre Augen sind auf die untergehende Sonne geheftet, die in ihnen wiederum diesen einzigartigen Glanz zaubert, wie die Sonne das immer tut. Den er schon so oft gesehen hat bei ihr.
Die knochig gewordenen Finger liegen auf den Lehnen, unfähig große Bewegungen zu tun. Diese Hände, die einst so stark waren und ihn gehalten hatten, wann immer er es gebraucht hatte.
Umhüllt von einer weißen Leinendecke, der zierliche, ausgemergelte Körper. Dieser Körper, der sich einst so anmutig an seinen schmiegte und jede Bewegung spiegelte.
Längst ist er nur noch ein Schatten seiner selbst, die letzten Lebenszüge schwinden. Es ist, als könnte er dabei zusehen.
Hinter ihrer blassen Stirn wiegen die Gedanken in ihrer Traumwelt. Ihre süße Traumwelt, in die sie ihn einst, in den Laken liegend, mitgenommen hatte.
Warum, warum, warum, warum?
Warum ereilt dieses Schicksal eine Frau, die noch nicht einmal das erste Quartal eines Jahrhunderts überschritten hat?

Ja, man könnte meinen, ein Häufchen Elend säße dort, an diesem Sommerabend in diesem Lehnstuhl aus Korbgeflecht. Wäre dort nicht dieser Mensch, der sie mehr liebt als sich selber.


Autor: Miriam Exner (29 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Tägliche Begegnungen und Abschiede.
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