Vom Können und Müssen
Als ich damit anfing, war ich nicht mehr jung, aber ich brauchte das Geld. Acht Jahre bin ich Zuhause geblieben, habe mich um unser Anwesen, die Angestellten und meinen Mann gekümmert.
In dieser Zeit habe ich meine Leidenschaft für das Malen entdeckt. Ein paar meiner Werke waren sogar mal ausgestellt. In den Geschäftsräumen meines Schwiegervaters.
Meine beste Freundin kaufte mir als Einzige ein Bild ab, um es meinem Mann zum Geburtstag zu schenken. „Drei Fliegen mit einer Klappe!“ triumphierte sie. „Du hast deinen ersten Verkauf, dein Mann wird dezent darauf hingewiesen, dich und dein Schaffen mehr zu wertschätzen und du hast deinen ersten Verkauf!“ Es erübrigt sich, zu erwähnen, dass sie durchaus bis Drei zählen kann. Mein Mann hing das Bild im Gäste-WC auf. Er fand, das sei der schönste Platz dafür.

Und dann? Ja, dann auf einmal schrumpfte die mangelnde Wertschätzung meines Mannes auf eine Befindlichkeit meinerseits. Von heute auf morgen ging es um vier Wände oder vier Brückenpfeiler um mich herum. Mit meinen Bildern war wohl kaum ein Lebensunterhalt zu verdienen und in meinen alten Job zurück, ein Ding der Unmöglichkeit! Ich bin seinerzeit damit hausieren gegangen, wie froh ich darüber sei, nicht mehr als Juristin arbeiten zu müssen. Und tatsächlich, der Muff der Aktenberge lässt mich noch immer bei der bloßen Vorstellung daran verkrampfen. Aber nun stand ich da, ohne Anwesen, Angestellte und Geld. Als ich meiner Physiotherapeutin von meiner Situation erzählte, machte sie mir einen Vorschlag: „Meinem Stiefvater ist eine abgesprungen. Der sucht gerade und er zahlt fair. Ich mache die Buchhaltung für ihn. Aber wenn bei ihm mal Not am Mann ist, muss ich auch ran.“ begann Leila den Job anzupreisen. Leila scheint sich modisch an Lidl-Trends zu orientieren. Hübsch ist sie nicht, aber jünger als ich, und mit den richtigen Klamotten und einem guten Make-up kann sie bestimmt attraktiv aussehen, ging es mir durch den Kopf. „Ich überlege es mir“, antwortete ich zögerlich.

Zwei Nächte lang grübelte ich. Mehr konnte ich mir nicht leisten. Immerhin würde ich bei diesem Job sicher niemandem aus meinem alten Umfeld begegnen.
Eine Woche später trat ich meinen ersten Arbeitstag an. Als ich in die Gerlachstraße einbog, musste ich schlucken. Hier wäre ich in meinem früheren Leben noch nicht mal bei schönstem Sonnenschein entlanggegangen, geschweige denn hätte ich dieses Haus betreten. Aber das frühere Leben gab es nicht mehr und es regnete.
Mir fiel ein Trick ein, den mir mal meine Mutter verraten hatte. Wenn Einen bei etwas Überwindung kostet, muss man sich auf den Moment konzentrieren und alles andere ausblenden. So wollte ich da herangehen.
Ich trat ein, zog ich ganz bewusst den Mantel aus und hing ihn an den Haken. Ich zog mir mein Kleid mit beiden Armen über den Kopf und hing es dazu. Dann legte ich mir mein Zimmermädchen-Outfit an, das mir mein Ex vor sieben Jahren zum Valentinstag geschenkt hatte. Es passte noch. Langsam lies ich meine Ballerinas zu Boden gleiten und zog die anderen Schuhe aus dem Beutel an. Ich drehte den Wasserhahn auf und fühlte nach der richtigen Temperatur. Dann ließ ich das Wasser ein. Ich nahm einen Handschuh und streifte ihn über die linke Hand. Dann nahm ich den anderen Handschuh und streifte ihn über die rechte Hand. Es fühlte sich neu an und irgendwie lasziv. Das war der erste Schritt in mein neues Leben.
Ich schlang das Stück Stoff um meinen Zeigefinger, befeuchtete es, kniete nieder und begann die erste Sprosse des Treppengeländers in dem Mietshaus zu putzen. Als die Haustür sich öffnete, bereute ich es, nicht 15 Euro in einen Kittel investiert zu haben.


Autor: Rike Myers (39 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Geschichten schreiben ist für mich das Spiel mit den Erwartungen des Lesers an die Handlung.
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