Neujahrsoffenbarung
Die Nachmittagssonne glühte in einem kräftigen Orange, während Sara und Tom nicht einmal bemerkten, wie die Zeit verstrich. Sie saßen nun schon eine ganze Weile in ihrem Lieblingscafé und tranken den – wie sie meinten – besten Kakao der ganzen Stadt.
Das braunhaarige Mädchen blickte auf ihre Uhr. „Schon halb sieben. Hab’ gar nicht gemerkt, wie die Zeit verfliegt.“
Ein Weilchen blieben die beiden noch sitzen und beobachteten die Leute, die vorbei zogen, um ihrem Alltag nachzugehen. Um sieben Uhr wollten sie gehen, als Sara eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Ein Mann stand vor ihr.
„Hey, könntest du mir sagen, wie ich von hier aus zum Bahnhof komme?“, fragte er höflich.
„Klar, da vorne um die Ecke und dann links, dann bist du da.“ Sara zeigte auf die genannte Stelle.
„Super, danke. Du scheinst dich wohl gut auszukennen.“
„Stimmt, ich wohne schon eine ganze Weile hier. Tut mir echt Leid, aber wir wollten langsam los. Mach’s gut.“
Die Schülerin legte das Geld für ihren Kakao auf den runden Tisch und schnappte sich ihre geliebte Strickjacke, die sie im Winter immer trug. Zügig verschwanden sie und Tom aus dem Café, bevor der Fremde noch etwas sagen konnte.
„Sag mal, hast du gar nicht gemerkt, dass der Kerl dich anmachen wollte?“ Der Junge war verwundert über Saras Reaktion.
„Ach, was. Er wollte ja nur wissen, wie man zum Bahnhof kommt.“
„Du bist so naiv. Du musst manchmal auch zwischen den Zeilen lesen, Sara“, zischte der kurzhaarige Begleiter.
„Er wollte einfach nur eine Wegbeschreibung. Wieso bist du denn auf einmal so aggressiv?“
„Lass gut sein, vergessen wir’s. Geht das mit dem Treffen morgen klar?“
Schon vor einer ganzen Weile hatten Sara und Tom sich dazu verabredet, den Silvesterabend zusammen zu verbringen und in das neue Jahr zu feiern. Die Schülerin aber wirkte, als hielte sich ihre Freude in Grenzen.
„Ja, okay. Ich muss jetzt los. Bis morgen.“ Sichtlich genervt, ließ Sara nun auch Tom stehen, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen.

Am 31. Dezember war der SMS-Chat zwischen den beiden Freunden weniger heiter und nett als sonst, dennoch trafen sie sich am Abend auf dem Marktplatz ihrer Stadt, um gemeinsam das neue Jahr einzuläuten. Sie begrüßten sich mit einer Umarmung und die Stimmung zwischen ihnen schien besser zu sein, nachdem ein wenig Zeit vergangen war.
„Noch vier Stunden. Bist du schon aufgeregt?“, wollte Tom wissen.
„Klar, ich liebe Silvester. Mir ist nur ganz schön kalt.“ Das Mädchen zog ihre Hände in die Ärmel zurück und wippte auf der Stelle, um sich aufzuwärmen.
„Hättest du dich mal dicker angezogen.“
Ein beleidigter Gesichtsausdruck machte sich auf Saras Gesicht breit. „Na, vielen Dank für den Rat.“
„Tut mir Leid, war nicht so gemeint. Genießen wir lieber die gute Stimmung hier.“
Die Laune der umstehenden Menschen war auf ihrem Höhepunkt angekommen, was wohl nicht zuletzt an den großen Mengen Alkohol lag, die an diesem Abend bereits geflossen waren. Die beiden Freunde machten es sich auf einer Steinbank bequem – so gemütlich man es sich auf kaltem Stein eben machen konnte. Die restlichen Stunden vergingen wie im Flug, während in der Mitte des Marktplatzes eine Band spielte, die den hohen Geräuschpegel, der sowieso schon vorherrschte, noch weiter ansteigen ließ.
„Noch eine Minute, dann geht’s los“, warf Tom um 23:59 Uhr ein.
„Oh, Tom. Da kennen wir uns schon so lange und du begreifst es immer noch nicht.“ Sara seufzte auf.
„Was?“ Der Junge wirkte verwirrt.
Pünktlich zum Glockenschlag sausten die Feuerwerksraketen in die Luft und kündigten allen an, dass das neue Jahr angebrochen war. Sara drehte sich zu Tom und küsste ihn leidenschaftlich.
„Aber, ich–“ Tom blieben die Worte im Hals stecken, nachdem er seine Lippen von Saras löste.
„Glaubst du nicht, es hatte einen Grund, dass ich den Typen gestern ignoriert habe, mich extra alleine mit dir an Silvester treffe und jammere, wie kalt mir ist? Alle Anspielungen der letzten Wochen scheinen ja auch nicht gewirkt zu haben. Du bist so naiv. Du musst manchmal auch zwischen den Zeilen lesen, Tom.“


Autor: Dominik Wulf (27 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Das Schreiben wurde für mich über die letzten Jahre hinweg immer bedeutender und es hat inzwischen einen wichtigen Platz in meiner Freizeit eingenommen. Meiner Meinung nach ist das Verfassen von Texten eine der besten Möglichkeiten, seinen kreativen Gedanken einen Ausdruck zu verleihen. Wenn es darum geht, ein Projekt zu durchdenken, plane ich zunächst die grundlegenden Schritte und setze sie um. Während des Verfassens baue ich meine vorherigen Überlegungen weiter aus und sorge dafür, dass sie eine gute Umsetzung finden, denn ich bevorzuge eine flexible Art des Arbeitens und folge bei meinen Geschichten selten einem strengen und vorab bis ins letzte Detail gestalteten Aufbau. Zum Schluss erfolgt die Korrektur meiner Texte, um die noch vorhandenen Fehler zu beheben. Kann ich nach dem Schreiben auf ein fertiges Dokument blicken, erfüllt es mich mit Stolz und Zufriedenheit, denn ich weiß, dass ich etwas erschaffen habe, das für mich einen großen Wert besitzt.
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