Zwischentöne
Das Paradoxon des Musizierens

Musizieren scheint einen Widerspruch in sich zu bergen. Das Gekonnte will geübt sein. Also jeden Tag die gleichen Griffe, jeden Tag dieselbe Melodie. So wird Kunst zum Alltäglichen, Können ist das Kind der Gewohnheit. Dennoch ist eine gelungene Ausführung alles andere als gewöhnlich. Es will einmalig sein, es will lebendig erscheinen.
Auch wir machen im Alltag immer das Gleiche. Als Gewohnheitswesen sind wir geradezu versessen auf Gleiches, auf ähnliche Strukturen, auf Routine. In einem Leben mit ständigen Veränderungen lässt sich nun mal schlecht einrichten. Und obwohl wir jeden Tag fast das Gleiche tun, können wir die wiederholten Tätigkeiten nicht maschineller Perfektion ausführen. Roboter sind wir nicht und perfekt sind wir auch nicht, wir sind auf unsere Weise menschlich! Aber unsere Menschlichkeit besteht nicht darin, dass wir im Alltag uns langweilen, aus der Bahn geraten und sozusagen verrücktspielen! Wäre das Leben eine musikalische Bühne, dann würde eine solche Menschlichkeit höchstens die Welt aus der Fuge bringen, aber keine Musik präsentieren. Man stellt sich nur einen Musiker vor, der zwischen den korrekt gespielten Noten immer wieder eine falsche dazu spielt! Ohne enthusiastische Hingabe, ohne emotionalen Ausdruck, ohne Selbstvergessenheit, kurzum ohne das, was Musik Leben einhaucht, wäre keine gelungene Ausführung möglich!
Glücklich dem, der die Kunst des Musizierens beherrscht, der in der Lage ist, sich den immer wiederkehrenden Dingen hinzugeben und imstande ist, Liebe für das Alltägliche zu entwickeln! Der nämlich versteht es zu leben!


Autor: Chi Dung Ngo (54 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Persönlicher Verlust und Freude am Schreiben.
Ich reiche die beiden Texte ein, weil ich sie einem breiten Publikum vorstellen möchte
Quelle: Eigene Quelle