Triptychon
I
die augen aufgeschlagen
im halberblindeten spiegel
eingebrannte buchstaben
II
der kollaps
funkelnder schlaf
papiere im vertiko
rechnungen
landkarten
rechnungen
III
schwindelsüchtig
die oberlippe verbrannt
von schweren zigaretten
IV
schleusen ziehen
zwischen prophetenhand
& abendbrot
V
das diebesgut
dem branntwein gewichen
felsen leben noch
ohne atem
VI
papyrusbart
apotheken schließen um sieben
auch wenn blut auf straßen spuckt
VII
sieh wie es flimmert
der rostige fluss
ohne standpunkt
VIII
eingemeißelt die landschaft
grauer norden
im marmortraum
IX
bohémische dörfer
aus nächsten kriegen
straf mich mit wahrheit
wo einst baum war
X
wirf schatten
in den atlantik
ohne zu fluchen

XI
denk an monet
mit geschlossenen Augen
was weiß schon ein mund
XII
die heile welt
einer lacht beim begräbnis
der nachbarn
XIII
nimm und lies die zitterschrift
alter selbstmörder
bevor dir das buch in die hand kommt
XIV
etwas voran man sich halten kann?
Dunkel hell dunkel
gedankenstricke
 
II
I
gestirnblitze kein himmel
weder tag noch nacht
II
kaum sind die träumer
eingeschlafen
wacht die blindenschrift
am himmel
III
weißes rauschen
das er ruhe nennt
köpft sekunden folgeschwer
IV
wer hört das gras
noch wachsen
unter dem asphalt?
Monotonie droht monotonie
V
engelssirenen
die toten haben ihr
testament gemacht
es ist leer
VI
zerpflücken wir die
stunden
zwischen mitternacht
und morgen


VIII
unter der plastiksonne
schmilzt der wachsbuddha
zum klumpen heiligkeit
IX
letzte krümel gras
fetzen vom rausch
der nacht
den frauen
X
"übrig bleibt
was übrig bleibt"
sagt der verteidiger
beim jüngsten gericht
XI
der tag ist wegen nebel
geschlossen
das ketamin auf dem
schachbrett gelandet
matt gesetzt in einem zug
 
III
I
wohin nur mit der ganzen zeit?
lernten wir doch zu warten
II
scharren wir
eine zukunft zu schmecken
nicht längst im dreck?
III
halten wir dem affen
die hand,
hält er auch unsere
IV
frisch schreit ein balk
nicht unser eigen
aus dem uterus
stirbt ohne atemzug
V
den lebenden
und den toten zur mahnung
ein kainsmal im gestirn der sterne
VI
nicht ohne rucksack
& landkarte von dante
durchreisen wir die hölle
hier beginnt fledermausland!
VII
hundert faden schwer qualmen
die pfeifen weiter
VIII
sind unsere namen
von den todelisten verschwunden?
IX
die tagebücher leer
ohne andenken
nichts verzeichnet
vom untergang
X
dort in den tiefen
zählt die welt sekunden
10
9
8
7
6
5
4
3
2
1

XII
verloren wären wir
stünden wir am anfang


Autor: Nico Feiden (24 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Wer schreibt, baut eine Brücke zwischen der eigenen Verletzlichkeit der Emotionen und der Außenwelt, eine Verbindung zwischen Innen - und Außenwelt, verbindet sich mit dem Leben, reflektiert sich und seine Gefühle und Gedanken hinein in die Weite unserer Lebendigkeit,
allein das Schreiben von Gedanken, von Zweifeln wird die Welt wohl nicht besser machen, doch auch so zu handeln, nach seinen eigenen Regeln zu leben und sich nackt der maskierten Welt zu offenbaren, wird helfen, alles verstehen zu können.
Quelle: der Autor selbst