Komm, lass' uns von vorne anfangen
Komm, lass‘ uns von vorne anfangen
Martina E. Siems-Dahle

Komm! Lass‘ uns von vorne anfangen!
Wir haben noch Zeit!
Aber wieviel Zeit haben wir noch, fragst du und
Drehst dich um und
Suchst die Zeit, die hinter dir liegt.
Aber du siehst sie nicht,
Obwohl sie Spuren hinterlässt.
Du meidest den Stillstand
Und flüchtest vor dem Gestern,
sagst dennoch, früher war alles besser,
aber morgen wird alles anders.
Dann sagst du, du hast keine Zeit.
Da sage ich dir:
Wer hat die schon?
Die Zeit, die kannst du nicht besitzen
Wie ein Sofa mit ’nem dicken Kissen.
Die Zeit kann ich nicht kaufen,
Obwohl man sagt, dass sie kostbar sei.

Ich kann sie nicht waschen oder kämmen,
Und an die Leine kann ich sie auch nicht binden, obwohl sie neben mir läuft.
Ich kann sie nicht wegpacken oder verstecken,
wie ein Geschenk zu Weihnachten:
Ich kann dir meine Zeit nicht schenken.
Denn meine ist eine andere – relativ gesehen.
Deine Zeit ist für mich nicht greifbar.
Zwischen deiner Zeit und meiner Zeit liegt
das Warten.
Auf was, fragst du?
Auf das Versprechen, gemeinsam die Zeit zu füllen.
Stattdessen schlägst du die Zeit tot,
und kommst dabei in Zeitnot.

Also: Hier, an diesem Ort, an dem genau ich jetzt bin,
kann ich morgen wieder sein,
aber nicht zur selben Zeit, weil
die jetzige Zeit morgen die gestrige ist.
Die Zeit ist an keinem festen Ort.
Das Jetzt ist die Wegkreuzung zwischen Gestern und Morgen.

Komm! Lass‘ und von vorne anfangen!
Wir haben noch Zeit.
Aber wieviel Zeit haben wir noch, fragst du.
Haben wir gemeinsam eine gemeinsame Zeit?
Die Zeit ist subjektiv und egoistisch,
Deswegen ist meine Zeit nicht deine.
Ich frage mich schon lange nicht mehr, wo meine Zeit geblieben ist.
Ich kann meine Zeit nicht festhalten,
greife ich zu, liegt sie schon hinter mir.
Und die Zeit, die vor mir liegt,
ist unbekannt und unsichtbar.

Und wenn du meine Zeit trotzdem streifst,
Ist unser Moment unangreifbar.
Für mich dauert der Moment wie der Weg der Schnecke von A nach B,
für dich ist er vielleicht nur eine flüchtige Bewegung.

Komm! Lass‘ uns von vorn anfangen!
Wir haben noch Zeit!
Das Jetzt, unser Jetzt, ist unsere Kreuzung gen Morgen.
Lass‘ uns so tun, als ob er, der Weg, uns folgen muss
und wir nicht ihm.

Auch wenn ein Weg früher endet als der andere,
Und dann der andere eine weitere Zeit hat:
Dann ist das unvermeidbar, aber nicht traurig:

Unsere Zeit ist die Erinnerung an das ewige Jetzt.


Autor: Martina E. Siems-Dahle (58 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: „Die Geschichten liegen auf der Straße“, bekommen Journalisten immer wieder zu hören. Aber ich will über diese Geschichten nicht „nur“ berichten, sondern möchte sie erzählen. Ob Lyrik, Kurzgeschichte oder Roman: Wortbilder erschaffen, die den Lesern Gefühle schenken, das ist mein Antrieb.
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