Wann breiten wir uns in unserer eigenen Schönheit
Bist du schön? Bist du dünn? Bist du dick? Jedenfalls bin ich dicker als du. Der Spiegel sagt es mir. Er lügt mich an. Ich lüge mit. Ich passe mich an. Ich betrachte mich von außen, vergleiche mich mit einem so perfekt gestalteten Ideal, dass es unerreichbar bleibt. Damit ich immer etwas zu tun habe, und immer genügend blöd finden kann an mir, woran ich ARBEITEN muss – und da draußen auf all die Dinge reinfalle, die ich HABEN muss, die ich KAUFEN soll, damit irgendwann alles gut, perfekt, glücklich, fit und gesund ist, wenn ich mich nur genug anstrenge, und wenn man älter wird, ist es noch schlimmer, noch teurer, unbezahlbar.

Die Körper haben eine Schwerkraft. Ein Gewicht.

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Dies ist kein journalistischer Text. Auch kein Ratgeber. Vielleicht ein Pamphlet? Oder ein Versuch. In eigener Sache. Entscheide du.

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Wo ist der Weg, auf dem ich älter werden kann, ohne zu leiern? Welche Platte spielt meine Musik? Wie oft lebt man? Vermutlich dieses eine Mal. Was fühlt sich gut an, in dieser kurzen Zeit? Werde ich selbstbestimmt rosten können? Wie mache ich das? Davor habe ich Angst. Ich lasse mir Schrott andrehen, der kein Glück bringt, aber angeblich dies OPTIMIERT und jenes ATTRAKTIVER macht. An was glauben?

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Ich bin keine Ratgeberin. Lieber möchte ich wütend sein, und klinge doch so klein dabei. So dünn. So leise. Auf etwas anderes wütend sein als auf mich selbst. Was läuft falsch? Warum reproduziere ich das Falsche am eigenen Körper, anstatt es zu benennen – dem Falschen MIT MIR zu begegnen? Was stimmt da nicht?

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Kontrolle ist nötig. Wir haben uns daran gewöhnt. Der unmittelbare Umgang mit Nahrung, mit unseren Körpern, mit Berührung ist verloren. Wie können wir unsere Kontrolle kontrollieren? Das Bedürfnis danach lokalisieren? Uns die eigene Bestimmung aneignen?

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Fettsein ist die andere Seite der Körpermissachtung, die Sucht: sich innen verdrecken, der Außenwelt anpassen, sich gleichmachen. Die Welt ist süchtig nach Dreck. Sie lebt davon! Ist sie veränderbar? Weniger Dreck fressen! Nicht weniger sein, sondern weniger Hungern, Fressen, Schamhaarrasieren(lassen), Vergleichen, zwanghaft Shoppen, Relativieren, Depressivwerden, Tabletten schlucken, sich mit Alkohol, Sentimentalität, Heilsversprechen betäuben, FünfStundenprotaginsfittnesstudio gehen – das FEHLEN offenbaren. Hingucken – weg vom eigenen Schwabbelsixpack.
Kranksucht. Selbsthass. Macht schwach.

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Kontrolle ist nötig, wo Vertrauen fehlt. Ich misstraue mir. Schwach fühle ich mich sicherer. Wovor habe ich Angst? Was kann ich mir tun? Habe ich Angst, dass ich die Kontrolle verliere? Über mich? Über das Wenige, das ich in diesem verwirrenden Leben ÜBERHAUPT kontrollieren kann? Niemand lässt sich verantwortlich machen für die GROSSE UNGERECHTIGKEIT, nichts als Strukturen, Systeme, Begriffe, Zwänge, Unterbau, Überbau – da sind keine Menschen, keine Gegner, keine Feinde, keine Partner, keine Freunde, keine Wegefährten– nichts als Zeitgenossen.

Nur ich kleine Konsumentin bin schuld. Also muss ich mich kontrollieren, verbessern, verkleinern. Verlieren. Habe ich Angst zu gewinnen? Fürchte ich die eigene Kraft? Dafür müsste ich einstehen, verantwortlich sein, könnte nicht mehr die kleine Konsumentin bleiben, die sich so große Mühe gibt, alles richtig zu machen, sich beobachtet, quält, treibt, sich nicht über den Weg traut – dann stünde ich da... Im Weg! Unübersehbar. Machtvoll. Wirksam.

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Wer hat etwas davon, wenn ich mich schwach mache?
Kann ich das verantworten?
Habe ich etwas zu verschenken?

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FREI SEIN. Aber die Freiheit ist vergiftet von der „Freiheit“, die ich kaufen soll. Ich will die andere Freiheit, die nicht käuflich ist. Und nicht verhandelbar. Mit der Kraft könnte ich eine Menge anstellen.

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Ich weiß nicht, wie es geht.
Sicherlich geht es nicht allein.
Aber von allein geht es sicherlich nicht.

Wann breiten wir uns in unserer eigenen Schönheit aus?

Angeregt von Laurie Penny, Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus



Autor: katharina körting (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Mut machen
Quelle: Bar