Abschied
Sie standen in der kleinen Kapelle, vor dem aufgebahrten Sarg, der voller Blumen und ihre Mutter sagte zu ihnen: „Nun heißt es Abschied nehmen“.
Flüsternd die Reden, die Gebete sprachen, die noch aus der Bibel gekannt, dank Kommunion und Konfirmation, ertränkte Stimmen im Tränenfluss.
Also Sie wollte bestimmt nicht Abschied nehmen und schaute eher verwundert in diese Runde der Aufgelöstheit, von der Sie weit entfernt war. Deshalb sagte Sie auch nur knapp: „Tschüss Papa, mach’s gut“, und ging hinaus, von tadelnden Blicken verfolgt.
Die Rede des Pfarrers war sehr schön gewesen – bemerkenswert, denn ihr Vater ist alles andere als ein Kirchgänger und die wenigen Informationen, die der Pfarrer von ihnen erhalten hatte, hatte er in einer bewegenden Andacht vorgetragen.
Auch hatten sie Vaters Lieblingsmusik spielen lassen, die ganz irdisch die kleine Kapelle in jazzige Töne einhüllte und Sie unvermittelt im Takt mit den Füßen gewippt hatte, so wie es Vater immer macht, wenn er sich besonders wohl fühlt.
Auch wieder ein Stein des Anstoßes in den Augen ihrer Familie.
Sie draußen mit verstohlenen Blicken musternd, machten sie sich gemeinsam auf den Weg zur letzten Stätte.
Während alle anderen in Schwarz gekleidet hinter dem Sarg herschritten, stach Sie in ihrer kunterbunten Montur wieder absolut aus dem Rahmen. „Mal wieder völlig unpassend“, hatte ihre Schwester Sie tadelnd begrüßt, als sie sich am Friedhofseingang trafen. Also Vater liebt immer die Farben, malt selbst gerne und ist ihren kunterbunten Aufzügen immer sehr aufgeschlossen gegenüber. Ihn hat das amüsiert. Warum sollte Sie also jetzt als Schattenwurf erscheinen, das hätte ihn doch nur unnötig irritiert.
Sie schlenderte also dem Sonntagsstaat hinterher und erfreute sich der Ruhe und dem vielen Grün, das sie umgab. Heute war das Wetter ausgesprochen schön, azurblauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Also das schönste Ausflugswetter. Wie für Papa gemacht, dachte Sie bei sich.
„Ach“, sagte Sie, „das hatte ich ja ganz vergessen. Ich soll euch alle schön grüßen von Papa. Er fühlt sich sehr wohl.“
Wie von der Tarantel gestochen blickten Sie alle ungläubig an. „Jetzt spinnst du wohl total“, entfuhr es ihren Bruder. „Nö,“, antwortete Sie. „ Ich hab diese Nacht von Papa geträumt.“
Kopfschüttelnd gingen sie weiter – von ihr dicht gefolgt.
Am Grab angekommen, wartete schon ein kleiner Chor, den ihre Schwester organisiert hatte. Als sie den Sarg in die Grube ließen, sangen sie dazu wunderschöne Lieder. Das hätte Vater gefreut. Um nicht ganz den Vogel abzuschießen, hatte auch Sie sich vorbereitet. Sie las ein japanisches Gedicht vor, das Sie sehr schön findet. Sie wusste einfach, dass es Papa auch gefällt.
Als sie noch so eine Weile standen, bemerkte Sie einen kleinen Zeisig in seinem Baum, der neugierig die Runde beäugte.

„Leben und Tod gehören zusammen“, sagt immer ihr Vater.
Nein, verabschieden tut Sie sich nicht – denn sollte sie sich selbst verleugnen?


Autor: Susanne Rzymbowski (53 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Des Dichters Trost

Ich lebe in den Wörtern
und tauche in sie ein
im Klangbild von Begrifflichkeit
der Melodie des Sein
die trägt mich fort
und ist ohn Zeit
auch ohne Raum
Ein Traum ? -
von meinem Ist
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