Bis morgen
Bis morgen

Sechster Tag. Ohne Morgen. Mein Herz klingt brüchig, ausgetrocknet vom vielen Weinen. Aynur, wo bist du?

Letzten Donnerstag früh standest du nicht an der Ecke, Can, dein kleiner Bruder, auch nicht. ‚Krank’, habe ich gedacht, krank wäret ihr. Die Grippe ging doch um. Und ich wusste nicht, wer noch.
Die Schulstunden schlichen dahin wie eine Horde blasser Schnecken. Niemand, der mit mir wisperte und kicherte.
Nach der fünften Stunde konnte ich endlich hinübergehen, in die Betreuungsgruppe. Doch was sollte mich dort schon aufheitern: Essen, Hausaufgaben machen, spielen - ein Tag ohne dich, fad wie Graupensuppe.
„Hallo Franziska, weißt du, was mit Can und Aynur ist?“Frau Starke hatte schon auf mich gewartet.
Ich schüttelte den Kopf. „Sind bestimmt krank“, schlug ich vor.
„Das glaube ich nicht, dann hätte ihr Vater sie abgemeldet, er ist immer sehr korrekt. Ich habe schon mehrfach angerufen, aber niemand hebt ab. Ich hatte gehofft, du wüsstest vielleicht mehr.“
Wir sahen uns an und plötzlich verloren unsere gesprochenen Worte den Halt. Buchstaben fielen zwischen die Gedankenzeilen wie in eine Gletscherspalte und fügten sich zu einer dunklen Ahnung, die wir teilten, aber nicht aussprachen.
„Ich gehe noch mal telefonieren. Kannst du ein bisschen auf die Erstklässler achten?“ Frau Starke verschwand eilig Richtung Sekretariat.
Ich setzte mich. Die Kleinen am Nebentisch spielten „Mensch ärgere dich nicht“ und kamen gut ohne mich aus. Angst kroch an mir herauf, ließ meine Beine zittern, befahl den Takt für das unvorstellbare Wort. Manchmal hatten Aynur und ich doch davon geflüstert, dann schienen ihre Augen wie erloschen und ihre Stimme ohne Klang: „Ich träume davon, dass sie uns holen, es ist, als würde ich in ein finsteres Loch gezogen, ich kann mich nicht wehren, meine Schreie enden stumm, ich sterbe.“ Nichts wusste ich darauf zu sagen, konnte sie nur fest umarmen, allerallerbeste Freundin.

Frau Starke stand in der Tür. „Sie sind abgeschoben worden, heute früh um 5.30 Uhr, ohne Vorankündigung.“
Mein Herz gab auf. Mein Entsetzen nicht. Ein Schrei gellte durch den Raum, prallte zwischen den Wänden hin und her. Mit einer einzigen Bewegung warf ich Tisch und Spiel der Erstklässler um. „Niemand fliegt hier mehr raus, niemand!“, brüllte ich mitten in ihre erschrockenen Gesichter.
„Aynur!“ Immer wieder, immer leiser, rief ich ihren Namen, während ich zu Boden sank. Dann weiß ich erst wieder, dass Frau Starke mich im Arm hielt und mein Gesicht mit einem nassen Tuch kühlte.

Mein Vater hat mich abgeholt. Seitdem habe ich mein Zimmer nicht mehr verlassen. Ich bewache das Telefon. Gestern hat Frau Starke mich besucht. Sie hatte keine Neuigkeiten. Aslans sind abgeschoben worden, in die Türkei, weil sie Kurden sind, und weil es dort angeblich nicht mehr gefährlich für sie sei. Nach so vielen Jahren in Deutschland. Can und Aynur sind hier geboren, sie sprechen nur unsere Sprache. Bisher gibt es keinen Kontakt, vielleicht ist Herr Aslan direkt am Flughafen verhaftet worden, das kommt vor. Die Wohnung hier wird von der Ausländerbehörde geräumt.
Frau Starke hatte mir etwas mitgebracht, aus der Schule, ein flaches, rechteckiges Paket. Vorsichtig löste ich das Papier. Ein Acrylfarbenbild von Aynur, aus der Kunst-AG, rechts unten erkannte ich ihre Initialen. Auf dem Bild wir beide, laufen Hand in Hand, aber wo genau sind wir? Der Rest des Blattes ist weiß, keine Erde, kein Himmel.
„Es ist“, hörte ich mich sagen, „es ist nicht fertig.“
„Ich weiß“, Frau Starke streichelte meine Hand, „sie hat keine Zeit gehabt, es zu Ende zu malen. Willst du es verwahren, vielleicht...“ Der Satz hatte auch kein Ende und ich nickte stumm.

Jetzt sind es sieben Tage, dass du dich von mir verabschiedet hast. „Bis morgen“ hast du gesagt. Unser Morgen ist nicht gekommen. Ich stehe am Fenster, den Blick Richtung Osten, und warte auf ein Leuchten in der Nacht. Ay heißt Mond und Nur bedeutet Licht. Aynur, wo bist du?


Autor: Christiane Röper (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ein Sprichwort sagt: "Der Schreiber setzt seine Seele ins Tintenfass." Dieses Zusammenwirken von Wahrhaftigkeit und schöpferischem Tun macht für mich den Reiz des Schreibens aus – immer wieder.
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