DUDAWACHSLING
DUDAWACHSLING
Hallo, Du da, Wachsling! Ja, Du, komm näher, ich muss Dir was erzählen, weil ich so glücklich bin. Mit mir ist etwas so Wunderbares passiert – ich muss Dir unbedingt meine Geschichte erzählen:
Ein Rabenvater hatte sich auf einem Bauernhof den ganzen Schnabel voll mit Sonnenblumenkernen gefüllt. Auf dem Weg zu seinem Nest machte er eine kurze Rast auf der alten Stadtmauer. Dort konnte er sich ausruhen und schauen, ob um sein Nest herum keine Gefahr lauerte: vielleicht eine Katze oder andere fremde Vögel? Er fand alles in Ordnung und brachte einen Teil der Sonnenblumenkerne in sein Nest. Die anderen Kerne hatte er sorgfältig auf einem Stein abgelegt. Als er die restlichen Kerne holen wollte, rutschte ein wundervoller Kern zwischen die Steine, tief in die Mauer hinein. Der Kern war ich.
Ich war froh, dass ich dem Vogel entkommen war und duckte mich tief zwischen die Steine, so dass ich nur noch mit der Spitze aus der Mauer herausschaute. Ich fühlte mich jetzt erst einmal in Sicherheit, richtete mich so gut es ging ein und fiel in einen tiefen Schlaf.
Eines Morgens erwachte ich und merkte, dass es kalt war. Ich fror jämmerlich und schaute zum Himmel. Von dort her sah ich lauter kleine Sternchen auf mich zufallen. Das musste der Winter sein, mit seiner Kälte, von dem mir früher meine Mutter erzählt hatte. Es waren die Schneeflocken, die die Samen und Pflanzen mit einer weißen Decke vor der Kälte schützen. Auch ich kleiner Kern bekam eine Decke und fror nun nicht mehr – behaglich schlief ich weiter für eine lange Zeit.
Vogelzwitschern weckte mich. Ich stellte fest, dass meine Decke fort war. Die Sonne hatte sie aufgetaut. Irgendwie sah alles anders aus. Ich schaute mich um, überall waren Farben, die Bäume hatten sich verändert. Sogar die Steine hatten einen glänzenden Schimmer. Hier und dort sprossen kleine Pflanzen und Keime aus der Erde. Da erwachten in mir die Erinnerungen, dass ich das alles schon einmal erlebt hatte. Aber wo?
Nach und nach stiegen in mir Bilder auf, ich fühlte mich kuschelig und auch ein wenig neugierig. so schnell wie die Bilder kamen, verschwanden sie auch wieder. Um mich herum gab es nur die alten, kalten Mauersteine. Gerade als die Traurigkeit wie eine Spinne über mich kriechen wollte, sah ich, wie aus der Mauer zwischen den Steinen ein kleines Kraut wuchs. Getröstet und verwundert schlief ich wieder ein.
Nachts träumte ich, auch einmal eine große Pflanze zu werden, so wie es meine Mutter gewesen war. Mitten in der Nacht traf mich ein dicker Regentropfen, den ich dankbar und erfreut in meine kleine Behausung aufnahm. Ich schlief weiter mit dem Regentropfen, und im Schlaf wuchsen meine Wünsche und Sehnsüchte ganz gewaltig an. Sie erfüllten mich so sehr, dass ich meinte, es gar nicht mehr in mir behalten zu können. Das Wasser hatte mir frische Kräfte gebracht, ich schüttelte den Schlaf ab, beim Schütteln aber brach meine Schale entzwei.
Nun wuchs aus mir mit aller Macht hervor, was an Wunsch und Sehnsucht in mir war und wuchs als Würzelchen und Ärmchen ins Freie. Sie suchten unter den Steinen, hinter, neben und auf den Steinen nach Halt und Erde, und klammerten sich fest.
Ich spürte, wie die Sonne anders als im Winter durch die Steine hereinschien und mich ganz anders traf. Voll Freude rechte ich ihr meine zarten grünen Blättchen entgegen, genauso wie ich es bei dem Kraut in meiner Nähe beobachtet hatte.
Vier Wochen später war aus mir, dem kleinen Sonnenblumenkern, eine wunderschöne Sonnenblume gewachsen. Mitten im goldgelben Blütenkranz steckten lauter kleine Kernchen. Ich erkannte mich darin wieder. So war ich aufgewachsen bei meiner Mutter. Dieses Glück, dass ich mich selber wiedergefunden hatte, war unbeschreiblich. Ich musste es unbedingt mit jemandem teilen. Und Du hast mich gehört! Jetzt kennst Du meine Geschichte und weißt, dass man überall wachsen kann.


Autor: Heike Becker (46 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Vor dem Hintergrund vieler "entwurzelter" Kinder möchte ich mit der Geschichte DUDAWACHSLING Kindern Mut machen, die in einer fremden Umgebung aufwachsen.
Heike Becker
Quelle: unveröffentlichter eigener Text