Freudenboten
„Oma, ich muss dich mal glatt streichen, deine Haut ist so verknittert“, eifrig zieht Lisa meinen verschrumpelten Hals hin und her. „Gell, du bist schon ganz alt?“ „Was meinst du denn wie alt ich bin, Lisa?“ Nachdenken – Augen nach oben drehen: „Vielleicht sieben?“ Siebenjährige sind weit fort, die gehen schon in die Schule!
„Oma weißt du, es ist nicht schlimm wenn du stirbst. Ich erzähle es dann im Kindergarten und wir beten für dich!“ Kinder und Narren sagen die Wahrheit! Lisa hat Recht, auch wenn‘s mir nicht schmeckt. Die Menschen sterben! Aber wir können betend mit ihnen sprechen.
„Oma, kann der Opa auch Käsekuchen mit Goldtröpfchen machen?“ „Warum, Lisa?“ „Weißt du, wenn du Tod bist, kannst du nicht mehr backen. Dann liegst du im Grab.“ Ich beginne zu rechnen: Wie alt wurden denn meine Vorfahren? Meine Gene lassen zu wünschen übrig.
„Oma lebst du noch wenn ich Kinder habe? Weißt du, die werden so aus meinem Bauch gebohrt und dann zeig ich sie dir!“ Welch himmlische Verheißung. Wie gerne möchte ich die Kinder meiner Kindeskinder sehen.
Dann kommt Lisa endlich in die Schule und zum Nikolaustag steckt sie mir feierlich eine Karte zu. Vorne ist sie übersät mit weißen Locher Blättchen und kündet vom ersehnten Schnee. Innen steht: „LIBEOMAECABDECLIB“. Erst als ich mir die Botschaft laut vorsage, jubiliert mein Herz. Kinder sind Freudenboten! Und ich kann zwischen Buchstaben lesen.


Autor: Helena Maria Beuchert (66 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Erfahrungen mit meinen Enkelkindern erlebe ich so bereichernd, dass ich sie gerne mit vielen Menschen teilen möchte.Kindermund tut Wahrheit kund!
Quelle: Die Autorin selbst