Zwischen den Zeilen
Zwischen den Zeilen
Gudrun E. Hagen, 15/5/2017

Gerade habe ich es mir im Garten mit einem Schreiben an die Gebühren-Inkasso-Stelle des hoheitlichen Rundfunkamtes gemütlich gemacht, als mich plötzlich das schnurlose Haustelefon aufspringen lässt. Ich drücke den grünen Knopf und melde mich artig mit meinem richtigen Vornamen. Wild werden könnte ich ja schließlich auch noch unter richtigem Namen, würde ich wieder belästigt.
In Erwartung eines weiteren Nerv tötenden Monologs über das weltbeste Schneckenkorn mit einem völlig neuartigen pflanzlichen Wirkstoff, wie ich ihn gerade erst gestern mit den Worten „Wir brauchen unsere Schnecken noch.“ abrupt beendet habe oder über bügelfreie Servietten - ich habe den Damen wie bereits vielen vor ihnen geraten, es bei den Zeugen Jehovas zu versuchen; diese hätten exorbitante Vorräte an Zeit und würden derartige Gespräche gern führen.
Doch die Dame, die jetzt am Apparat ist, versucht sich überraschenderweise gar nicht im Verkauf von Schneckenvertilgungsmitteln. „Mein Name ist Heidenreich", leitet sie in schnoddrigem Deutsch-Deutsch ein, "Ich habe viel von Ihnen gehört“.
Ich bin immer noch gespannt, zum Konsum welchen redundanten Produktes sie mich in wenigen Sekunden nötigen würde. Der einzige Vorteil derartiger Anrufe liegt ja in Wirklichkeit darin, dass man sein Telefon wiederfindet.
In Gedanken gehe ich einige besonders beunruhigende Produktgruppen durch: Neben Pestiziden und Abführmitteln fallen mir noch kostenlose Kaffeefahrten nach Osttirol ein, die zum Kauf von Murmeltiersalbe animieren sollen. Auch zu einem Abonnement von Rezept-Sammelkarten wollte man mich im Verlauf der letzten Jahre öfter vergeblich bringen – wohl nicht ahnend, dass ich meinen Herd seit vielen Jahren nur mehr als Schreibtisch nutze. Dem lispelnden Chinesen, der mich letzte Woche mit seiner unausgeschlafenen Stimme zum Kauf eines Jahresabos fürs Fitnesscenter Blutmoos überreden wollte erklärte ich, ich läge bereits im Sterben, was bei meiner angegriffenen Gesundheit nicht einmal ganz gelogen war.
Ich verstaue meinen Kaugummi hinterm Ohr und freue mich auf ein kraftaufwendiges rhetorisches Turnier, an dessen Ende es wie immer nur eine Siegerin geben würde – mich! In all den Jahren habe ich mir nicht nur die notwendige Expertise in der Führung derartiger Gespräche angeeignet, sondern auch Gefallen daran gefunden, die unbedarften Hausfrauen und verwöhnten Studentinnen in ellenlange Verkaufsgespräche zu verwickeln, ihnen Hoffnungen auf das Geschäft ihres Lebens zu machen, um dann das Gespräch mit „Entschuldigen s´, mir wird gerade furchtbar schlecht, ich muss mich hinlegen.“ zu beenden.
Weil der erwartete Redeschwall nicht sofort einsetzt, entsteht eine winzige Pause, die ich sofort für mich nutze. „Von wem wurden Sie an mich verwiesen?“ frage ich betont misstrauisch. Angriff ist die beste Verteidigung. Die Frau lässt sich nicht beirren: „Sie sind ein Geheimtipp, könnte man sagen. Eine alte Freundin, die ich aus meiner beruflichen Vergangenheit kenne, hat mich auf Sie gebracht.“
„Aha.“ sage ich verwirrt.
In schwerem teutonischen Zungenschlag fährt die Dame fort: „Ich befinde mich gerade auf einer Lesetournee durch Süddeutschland, und da ich Ihnen schon immer einen Besuch abstatten wollte, würde ich gerne vorbeikommen und Sie kennenlernen."
„Worum geht es?“ frage ich wieder betont misstrauisch und gehe weitere Produktgruppen im Geiste durch: „Elektrische Heizdecken, Pillen gegen Elektrosmog, Ultraschallgeräte gegen Maulwürfe…
Das von mir höher als sonst geschätzte Alter der Anruferin und ihre kultivierte Sprechweise deuten darauf hin, dass man mich bereits ins Seniorensegment stellt. Den Preußen ist ja einiges zuzutrauen.
„Es geht um Ihr Talent, wenn Sie es genau wissen wollen!“
„Wie meinen Sie das?“ frage ich eine winzige Spur netter.
„Wir vom Schweitzer Literaturclub sind dieses Jahr auf der Suche nach bisher unentdeckten deutschsprachigen Talenten, die wir fördern möchten.“
Mein herzliches Schweigen als Zustimmung interpretierend fährt sie fort: „Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, aber könnten wir uns an diesem Abend noch treffen? Mein Flieger geht schon morgen früh.“
Mit einem Blick auf die riesigen Kisten, die sich mangels freier Stellflächen im Hausinneren nun zwangsläufig im Garten ausbreiten und auf die tausenden Schreiben und Gerichtsprotokolle, die aus den Ordnern in diesen Kisten quellen, die ich zwecks meiner unerbittlichen Korrespondenz mit der Gebühren-Inkasso-Stelle seit Jahren von meinem Garten aus führe, greife ich zu einer Notlüge: „Wegen außerordentlich starken Blutegelbefalls wurde meine Straße zum Sperrgebiet erklärt.“
„Wirklich?“ fragt die Dame.
„Ja, Blutmoos ist ein Sumpf und hier gibt es – wie der Name schon sagt – Unmengen von Blutegeln.“
„Tatsächlich?“
„Ja, leider, aber wir können uns gerne beim Gasthaus „Zum Wilderer“ treffen." Beim Wilderer, denke ich mir, könnte ich jederzeit wieder verschwinden, falls ich genötigt würde, etwas zu unterschreiben.


Autor: Gudrun Eva Hagen (44 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: In diesem Text lasse ich die Realität der naiven, von jeder künstlerischen Absicht freien Schreibens auf die Realität der Kunstindustrie prallen - Notwendigkeit und Ästhetik des Schreibens.

Das staatsimmanente Ablagesystem wird in der Geschichte konsequent auf eine bizarre Einzelperson heruntergebrochen, unzulänglich, teils kläglich scheiternd, teils eulenspiegelhaft anarchisch, die dann vom Schicksal einer gütigen, von außen kommenden Instanz erlöst wird (Heidenreich
erlöst Österreich).

Meine Danksagung geht an Herrn Michael Burgholzer, der mich bei diesem Text sehr inspiriert hat und dem mit seinem Werk selbst ein Sockelplatz in diesem Wettbewerb zusteht.
Quelle: Zwischen den Zeilen