Immer noch
Immer noch …

Der Schnee knirscht unter meinen Füßen. Doch ich muss mich schon längst nicht mehr vorsichtig bewegen. Unsichtbar trabe ich durch eine Welt voller Blinder. Gewiss, ich existiere noch für sie. Als Figur in Fantasy Filmen, als Motiv auf T-Shirts und Tassen oder als Spielzeug.
Als totes Ding.
Wenn sie wüssten, wie laut mein Herz immer noch schlägt, mein Atem gleichmäßig mit dem der Wälder geht, durch die ich reise. Wie toll der Wind mit meiner Mähne spielt.
Nein. Ich bin kein totes Ding. Bin nicht so, wie sie mich haben wollen.
Gewiss kann ich sanft sein und strahlen, wie ein See an einem Sommertag. Aber genauso kann ich wie die windgepeitschten Bäume sein oder wie der Schneesturm, der gerade zwischen den Häuserwänden tobt.
Es gibt mich immer noch.
Nur die Sehenden gibt es nicht mehr.
Wo sind sie hin, die jungen Frauen, deren Herzen voller Unschuld waren und sich von Hoffnung nährten? Die phantasiebegabten Dichter, die fähig waren, meine wahre Gestalt zu sehen?
Einst verehrte man mich. Legte Verwundete in meinen Wald, damit ich sie heilte. Oder man rief mich um Beistand gegen seine Feinde an. Denn mein Horn kann genauso tödlich wie heilbringend sein. Doch dann war da der Tag, an dem ein Mädchen achtlos an mir vorüber ging. Ich lief ihr nach, viele Schritte lang. Doch ihre Augen blickten durch mich hindurch. Da begriff ich, dass die Welt sich verändert hatte, so schnell, dass ich es noch nicht mal bemerkte, als es geschah.
Die Phantasie ist es, die tot ist, nicht ich. Die Fähigkeit zu glauben und das Leben um sich herum zu spüren. Ersetzt durch kalte Technologie und durch Traumbilder, die die Menschen der Realität vorziehen.
Wo früher ein Teil meines Waldes war, genau dort, wo sich einst ein sanftes Meer aus grünem Moss ergoss, ist jetzt harter Asphalt. Ein Geschäft … In der großen Glasscheibe wird mein Spiegelbild überlagert von den hektischen Fernsehbildsequenzen dahinter.
Langsam verdrängen sie mich.
Ich stehe da. Beobachte. Zittere.
Die Menschen brauchen mich nicht mehr. Nicht, wenn sie all die blinkenden Apparaturen haben. Was bedeutet das für mich? Niemand ist für sich allein. Wir sind alle Teile eines Ganzen. Bin ich dann irgendwann das, was sie in mir sehen? Dieses nichtssagende Glitzerding, das in ihren Kinderzimmern steht?
Plötzlich stürmt ein Mädchen auf das Geschäft zu, vor dem ich gerade stehe, sucht wahrscheinlich Zuflucht vor der Kälte. Ihre Hand ist schon beinahe an der Tür. Dann hält sie inne, wird ganz starr. Unsere Blicke treffen sich. Ihre Pupillen sind vor Erstaunen geweitet. Und dann trifft es auch mich.
Ich habe mich schon lange nicht mehr so deutlich gesehen, wie in dem Grau ihrer Augen.
Erleichterung überkommt mich als ich begreife, dass es jetzt einer von ihnen weiß.
Dass ich da bin. Immer noch.


Autor: Stephanie Richter (32 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Schreiben, egal ob Lyrik oder Prosa, bietet die Möglichkeit, Gefühltes sichtbar zu machen und mit anderen zu Teilen. Durch Gedichte und Geschichten kann ich Erlebtes verarbeiten oder mir über Dinge klar werden. Geschriebene Worte können Bilder erwecken, die noch einmal eine ganz andere Art von Kommunikation zwischen Menschen ermöglichen als es in Gesprächen der Fall ist.
Quelle: Autor