Stadtfalter

Stadtfalter

Wochentags eilt sie stets zur gleichen Zeit durch die graue Betonhalle des Firmenparkhauses zum Aufzug. In den durch angeschraubte Kennzeichen personalisierten Parkbuchten für die leitenden Angestellten stehen nur wenige Autos.
Um diese Uhrzeit, in den späten Stunden des Abends, muss sie nicht vielen Mitarbeitern begegnen. Sie huscht leise an den Säulen vorbei, verstaut die Schlüssel in der Handtasche und entnimmt eine Codekarte, die sie in ein Lesegerät am Aufzug steckt.
Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug und darüber einen cremefarbenen leichten Ledermantel. Dessen breiten Kragen stellt sie nun auf, versteckt mit einem routinierten Wischen ihrer Hand ihren blonden Pferdeschwanz darin, automatisiert.
Nicht aufzufallen, dies ist der Tanz, den sie beherrscht. Der sie beherrscht. Sie ist Pastell.
Der Lippenstift, nur ein wenig dunkler, als es ihre normale Lippenfarbe ist, ist perfekt aufgetragen. Ein wenig Rouge imitiert Lebendigkeit. Das Glanzlicht ihrer Erscheinung, das Feuer ihrer Augen, vermeidet sie hervorzuheben, es bleibt gewollt unbemerkt.
Die Pflege des eigenen Pferdes und ihres geliebten Hundes als Kind führte sie zu dem Berufsziel Biologin. Ihr Enthusiasmus und die finanzielle Unabhängigkeit, die ihr ihre Eltern bieten konnten, hätten beste Voraussetzungen für die Erfüllung ihres Wunsches sein können.
Ihr Vater schmiedete ihre Wünsche um. Bog den Stahl ihres Denkens um. Über Jahre ließ er ihre Begeisterung für die Biologie erkalten, sprach von mangelnden Verdienstmöglichkeiten und harter körperlicher Arbeit, viel zu hart für ein zartes Kind wie sie. Erhitzte ihre Gedanken in Richtung eines Studiums der Betriebswirtschaftslehre, in Richtung eines Lebens in einer Führungsposition, in der man noch etwas bewegen könne. Irgendwann eine Firma leiten, so wie er selbst. Ein wertiger Teil der Gesellschaft sein.
Also ließ sie ihre Wünsche ersterben und glaubte tatsächlich, das Streben ihres Vaters sei ihr eigenes. Alles, was sich änderte, war sie selbst.
Leistung blieb stets selbstverständlich. Die versprochene Erfüllung durch das Studium und spätere Anstellung blieb aus. Als er starb, war sie erleichtert.
Ihre Möglichkeit, einen Funken Eigenbestimmung zu wahren wurde es, nicht aufzufallen. Die Jahre vergingen und sie machte Karriere auf einem Gebiet, welches ihr nichts bedeutete.

Im Erdgeschoss fährt der Glaskasten in den Innenhof der Firma. Jede Fliese, jedes Büro, jede Pflanze, in Anordnung und Funktion durchdesignt und kundenbezahlt. Die Häuserzeile als Tatwaffe am Individuum.
In den Boden eingelassene Halogenscheinwerfer bestrahlen ein Firmenlogo mit weissem Licht. Von ihnen steigen Wolken auf, Nieselregen verdampfend.
Der Eingang treibt ihr entgegen und sie spielt mit dem einzigen Schmuckstück, das sie trägt. Die Brosche hängt an ihrem Revers. Ein goldener Schmetterling breitet seine Flügel aus, geschmückt von Rubinen und kleinen Brillianten. Ihr damaliger Freund hatte ihr in seinem Abschiedsbrief gewünscht, sie möge weniger zielgerichtet wie ein Falke durch das Leben fliegen, sondern ab und an wie der Schmetterling, schwankend und sich im Wind wiegend. Auch wenn sie niemals den Mut besessen hatte, seinen Rat zu befolgen, blieb dieses Motto für sie ein Ideal.
Sie hofft auf einen einsamen Arbeitstag. Es mag sein, dass die Putzfrau die Räume nach dem Arbeitstag in Ordnung bringt. Diese würde sie nicht stören. Die ältere Dame spricht kaum Deutsch.
Im Glas der Eingangstür ein Spiegelbild. Eine nette, hübsche, unscheinbare Person. Ihr Vater wäre stolz auf sie gewesen, auch wenn er es ihr nicht gesagt hätte. Sie selbst ist nicht stolz. Sie ist nicht enttäuscht. Sie ist nur noch.
Im Innenhof zwischen den Häuserzeilen wandert ihr Blick zu ihrem Teil des Himmels. Er ist für sie kaum noch zu sehen. Zu ihren Füßen fliegt ein Schmetterling gegen einen der Scheinwerfer. Jedes Mal ein Zischen. Zuletzt stürzt er ab und verbrennt in der Hitze.


Autor: Frederik Elting (37 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: In Apotheken werden Destillate gereicht und auch Literatur ist ein Destillat der Dinge, die uns beschäftigen.
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