gesang eins
gesang eins

auf einmal wurde die landschaft hügelig
buckelwale duckten ihre rücken im gras
alle halme bewegten sich im gleichklang
die musik musste von fern kommen
hinter dem gebirge wechselte der himmel seine farben
Sirin sang
von der küstenebene drang kriegsgeschrei
die wale verharrten im abendlicht
dass ihre körper aussahen wie gebrannter ton
selbst der himmel erinnerte an irdenes
steinzeug
ich lief schneller
auf einmal hörte ich ein schnauben und toben
die buckelwale richteten sich auf
flohen hinaus in die dunkelheit der nahenden nacht
Sirin sang weiter
das kriegsgeschrei näherte sich
entfernte sich wieder
und verstummte im letzten ton des lieds

dann hörte ich nur noch deinen atem


Autor: Werner Weimar-Mazur (61 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Gedichte sind Teil eines kollektiven Gedächtnisses. Sie verbinden: Menschen, Orte und Zeiten, vielleicht sogar Himmel und Hölle. Und dies geschieht allein durch Sprache, durch Sprechen, hier in einem Gesang. Gibt es etwas Vergleichbares sonst in einem Menschenleben? Wenn es Gedichte oder Gesänge nicht gäbe, man müsste sie erfinden!
Quelle: Manuskript, unveröffentlicht