Mitlaufen
Röchelnd griff ich mir unter die Rippen. Bei jedem verdammten Schritt nahmen die Schmerzen zu.
Was half, war der Seitenblick nach rechts. Matzes Profil glich dem eines griechischen Gottes. In der Antikensammlung unseres Museums hatte ich schon häufiger vor den Skulpturen gesessen und sie gezeichnet. Auch bei Matze wirkten die gerade Nase und das kraftvolle Kinn männlich und sensibel zugleich. Seine Haut wie aus Marmor gemeißelt. Mein Leiden schmolz dahin wie Vanilleeis im Hochsommer. Matze hatte früher schon gut ausgesehen, aber als ich ihn vor Kurzem wiedersah, wirkte er gereifter und markanter. Ganz mein Typ. Als er mir erzählte, dass er leidenschaftlich gerne jogge, verabredeten wir uns zum Laufen.
Ich konnte meine Augen nicht von ihm abwenden, sodass ich die Wurzel, die sich quer über den Waldweg zog, nicht sah. Ich stolperte und ruderte mit den Armen durch die Luft.
„Hoppla!“ Sofort umfasste Matzes Hand meinen Oberarm und er zog mich zu sich heran. Wir taumelten, ich trat ihm auf den Fuß, ich kicherte, er stellte mich vor sich hin.
„Danke“, hauchte ich, „dass hätte echt schief gehen können.“ Als ich mich gerade in seine muskulösen, wohlgeformten Arme sinken lassen wollte, schob mich Matze beiseite.
„Es fehlt dir an Technik, Kati. Wenn du immer mit dem ganzen Fuß auftrittst, passiert es schnell, dass du die Kontrolle über deinen Schritt verlierst.“ Für mich hatte das weniger mit Technik zu tun, als mit seinem Anblick.
„Du darfst nur mit dem Vorderfuß auftreten, um dich dann wieder kraftvoll abdrücken zu können.“
Matze setzte eine Fußspitze auf, drückte die Ferse langsam nach oben, sodass sich der Unterschenkel spannte und sich das Spiel seiner Muskeln unter der glattrasierten Haut detailliert abzeichnete. Schon sah ich eine tätowierte Eidechse, die sich zu bewegen schien, wenn Matze einen eleganten Vorderfußschritt vor den anderen setzte.
„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragte er.
„Ja klar“, stammelte ich, „Vorderfuß halt, weiß ich doch.“
Ich wollte die kleine Pause zum Verweilen nutzen, da hetzte Matze auch schon weiter.
„Du bist doch noch nicht schlapp, oder?“, rief er mir über die Schulter zu.
„Quatsch!“, schnaufte ich, schob mir mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der verschwitzten Stirn und hetzte hinterher.
Seitenstiche überfielen mich wie Fruchtfliegen angefaultes Obst.
„Ich brauche jemanden, der mich mitzieht“, stieß ich gekrümmt hervor. Dich brauche ich, Adonis, schrie eine Stimme in meinem Kopf, nicht zum Joggen, aber für alles andere.
„Du solltest dich für den Halbmarathon in zwei Monaten anmelden, dann hast du ein Ziel.“ Das hatte ich schon längst, auch wenn das nichts mit Sport zu tun hatte.
„Ich laufe da auch mit, aber natürlich die ganze Strecke.“ Kein Schnauben, keine Anstrengung lag in seiner Stimme.
Ein Abo auf ein regelmäßiges Lauftreffen mit Matze bis zum Marathon. Diese Aussicht verschaffte mir augenblicklich ungeahnte Kräfte. Die Anhöhe, die vor uns lag, sprintete ich hinauf.
„Sei vorsichtig“, hörte ich ihn rufen, „verausgabe dich nicht unnötig.“
Aber ich lachte nur.
Als er mich eingeholt hatte, knuffte er mich anerkennend in die Seite.
„Ich habe eine verdammt gute Trainerin. Die ist so was von tough, aber auch ganz süß.“ Als er mir dabei zuzwinkerte, schoss mir die geballte Hitze meines Körpers bis in die Haarspitzen. Soviel Anerkennung, ja Liebe schwang in seinen Worten mit, dass mir plötzlich ganz flau wurde.
„Ist dir nicht gut?“, hörte ich Matze fragen. „Halt bloß durch, wir sind gleich da.“ Und schon versank für mich die Welt in Dunkelheit.
Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, schauten zwei Augenpaare auf mich herab. Matze hielt meine Hand und tätschelte sie.
„Hoffentlich habe ich sie nicht überfordert?“, fragte er nicht mich, sondern die Frau, die neben ihm kniete. Ich blinzelte ins Sonnenlicht. Wer war diese Frau neben ihm, die mich anstierte?
„Hätte ich mir gleich denken können, dass du übertreibst“, sagte sie kühl. „Du wolltest mir wohl zeigen, dass du dich auch zum Trainer eignest, oder?“


Autor: Cornelia Liermann (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Ich schreibe, um aus Erlebtem, Beobachtetem und Erdachtem ein eigenes Universum entstehen zu lassen. Alles ist möglich.
Quelle: Die Autorin selbst