Keine Zeit
Gemächlich, aber nicht zu gemächlich, doch sicherlich nicht zu schnell, sondern so, wie es ihm sein Alter gestattet, schlendert er zu seiner Holzbank. Er umfasst die linke Lehne, dreht sich auf den Fußballen herum und sinkt mit einem langgezogenen „Ahhh!“ nieder. Dann rümpft er die Nase, kratzt sich unterm Kinn und hebt den Blick. Hinten am Horizont, hinter seinen Äckern, den dahinter liegenden Pferdekoppeln und der Ziegelei, erblickt er die rubinrot aufleuchtende, zur Hälfte schon untergegangene Sonne.
„Wird aber auch Zeit“, nuschelt er und holt einen Beutel hervor, dem er Blättchen, einen Tabakhaufen und Filter entnimmt. Er legt den Tabak in die linke Handfläche, zerpflückt ihn mit den rechten Fingerspitzen und dreht ihn in das Blättchen. Dann blickt er wieder zum Horizont.
Es ist immer noch warm, obwohl es bereits dämmert, denkt er, da ist es draußen ja am schönsten, wenn es in den Herbst übergeht, die beste Zeit für Fahrradtouren, das sollte man mal wieder machen, sich auf den Drahtesel schwingen, das wär bestimmt 'ne feine Sache, denkt er und nickt.
Doch die ganze Vorbereitung, all die Planung, was es da nicht alles zu bedenken gibt, das Wetter, die richtige Ausrüstung, die Route, das wird schwierig, wenn nicht unmöglich.
„Wie ärgerlich“, spricht er, „für so 'n Zeug hab ich einfach keine Zeit.“
Er rollt das Blättchen mit dem Tabak wieder auseinander, nimmt den Filter und setzt ihn an das Zigarettenende. Dann rollt er ihn in das Blättchen und sieht wieder in die Ferne.
Die Hecken könnten auch mal wieder geschnitten werden, denkt er, die schießen so schnell in die Höhe, das nimmt ja überhand, das versaut einem die schöne Aussicht, überall nur Grün, wie sieht das denn aus, ab muss das, das sieht ja nicht aus, denkt er und nickt.
Doch wenn man dann fertig ist, dann hat man 'n paar Tage Ruhe und dann wächst die wieder, dann geht der Mist wieder los und dann müsste man schon wieder ran, das ist ja auch nicht das Wahre.
„Wie ärgerlich“, spricht er, „für so 'n Zeug hab ich einfach keine Zeit“.
Dann leckt er über die Klebefläche des Blättchens, presst die Enden aufeinander und steckt sich die Zigarette zwischen die Lippen, während er wieder in den Abend schaut.
Zigaretten und Bier, das war auch immer was Feines, denkt er, das macht man gar nicht mehr, dass man ausgeht mit seinen Zigaretten und sich in die Kneipe setzt, 'n Bier trinkt, das hat man früher oft getan, vielleicht sollte man sich da mal wieder sehen lassen, die alten Bekanntschaften pflegen, das wär doch mal was, da kommt man mal wieder unter Leute, denkt er und nickt.
Aber was könnte man währenddessen alles Sinnvolles tun, da muss man ja 'n schlechtes Gewissen haben, wenn man sich in die Kneipe setzt und 'n Bier trinkt, anstatt was Sinnvolles zu tun.
„Wie ärgerlich“, spricht er, „für so 'n Zeug hab ich einfach keine Zeit“.
Schließlich zündet er sich an der lodernden Flamme seines Feuerzeugs die Zigarette an, nimmt einen Zug und blickt über die Äcker, die Pferdekoppeln und die Ziegelei.
Plötzlich öffnet sich die Hintertür und seine Frau tritt heraus, stemmt die Fäuste in die Hüften und betrachtet die untergehende Sonne. Dann fährt sie herum, blickt ihn an und schüttelt den Kopf.
„Und ich dachte, du tust was Sinnvolles!“, ruft sie.
„Tu ich doch!“
„Was tust du denn?“
„Ich denke nach!“
„Na, dann überanstreng dich mal nicht!“
„Keine Angst, mach ich nicht!“
Sie lässt ihren Blick kurz auf ihm haften, dann nickt sie, geht zu ihm und setzt sich neben ihn. Ohne sie anzusehen, reicht er ihr die Zigarette, die sie nach kurzem Zögern zwischen ihren rechten Daumen und Zeigefinger klemmt und dann ebenfalls einen Zug nimmt.
„Übrigens ist das Essen fertig. Kannst ja reinkommen, wenn du wieder Zeit hast“, spricht sie.
Hastig wirft er seine Zigarette in den mit Wasser gefüllten Blumenkübel, stopft seinen Tabakbeutel in die Hosentasche, springt aus seinem Sitz auf und stürmt ins Haus.
„Für dich“, entgegnet er und hält ihr die Haustür auf. „Für dich hab ich doch immer Zeit“.


Autor: Helge Hommers (28 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Schreiben ist für mich die schönste, zugleich anspruchsvollste und dennoch geeignetste Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen. Oder eine Emotion auszudrücken. Oder Eindrücke zu verarbeiten. Wer schreibt, schafft alternative Welten und holt das Vergangene ins Diesseits. Ebenso die Zukunft. Schreibende werfen einen Blick auf das Allgegenwärtige, der einzigartig, unendlich und unsterblich ist. Genau deswegen schreibe ich.
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