Mitten unter uns
„Erbarme dich, Herr, erbarme dich…“
Es ist ein Sog. Beim Eintreten werden meine Augen sofort zum Altarbild gezwungen. Rot, hell und dunkel, bis ins Schwarz verlaufende, blutige Röte, umflimmert von wenig gelblichen und blaugrauen Schatten. Kein Zweifel, der Altar ist der Brennpunkt des kahlen weißen Raumes, der Mittelpunkt des Geschehens. Sobald der Blick dort zur Ruhe kommt, wachsen Konturen aus dem Farbengemisch.
„Christus erbarme dich“.
Eine Gestalt manifestiert sich zum leuchtenden Pulsschlag. Christus. Er sitzt ganz ruhig, den dornenbekränzten Kopf gesenkt, die Augen nach unten, nach innen gerichtet, ergeben, in einer U-Bahn, einem Omnibus? Nur wer den Sohn Gottes erkennen will, sieht ihn auch.
„Erbarme dich, bitte erbarme dich meiner!“
Ich trete näher heran und bin fasziniert. Meine Leidenschaft gilt gewöhnlich spätmittelalterlichen Altären, gemalt auf Goldgrund und von filigranem Gesprenge gerahmt. Aber hier überzeugt mich die Moderne nicht nur, sie begeistert mich. Das Bild schließt den nur durch eine Stufe hervorgehobenen Altarraum im schlichten Kirchenraum ab. Darüber lassen schmucklose Fenster Licht einfluten. Seine Strahlen entzünden mich, züngeln ein loderndes Band vom Altar zu mir, das mich fesselt, mich fest hält an diesem Ort.
„Komm, komm heiliger Geist…“
Das Flüstern fließt durch die Kirche und vermählt sich mit den tanzenden Lichtpunkten. Vehement schlägt es an mein Herz, versetzt mich in Schwingung, spült mich mit auf schäumenden Wogen. „Erbarme dich!“
Ich trete einen Schritt zurück und suche nach dem Menschen, dessen Gebet den Raum füllt. In einer der hölzernen Kirchenbänke der linken Seitenkapelle wiegt sich ein alter Mann. Aus der filzigen beigebraunen Wolljacke wächst sein grauer Schädel, die zotteligen Haare stehen auf dem Kragen auf. „Komm, heiliger Geist, erfülle mich…“ Er neigt das Haupt, die nach oben geöffneten Hände streckt er noch höher, noch verlangender. Von vorne nach hinten nach vorne schaukelt sein Oberkörper im Rhythmus des Gebets. An seinem breiten Rücken vorbei erkenne ich einen barocken Marienaltar. Brennende Kerzen davor. Viele.
In meinem Hals wächst ein Knoten. Tränen sammeln sich vor meinen Augen. Ich schlucke gegen meine Ergriffenheit an. Möchte das aber eigentlich gar nicht. Am liebsten ginge ich nach vorne zu ihm, zu diesem verzweifelten Menschen, und würde mit ihm zusammen beten. Warum tu ich das nicht. Warum lasse ich den Knoten in meinem Hals zu einem Stück Holz werden, das Wunden in meinen Rachen schlägt, die niemandem nützen? „…erfülle mich, durchdringe mich, Heiliger Geist…“
Ich schlinge meine Hände fest ineinander. Der Mann in der Kirchenbank schaukelt heftig, murmelt, lässt die Arme sinken. Ich schließe die Augen. Konzentriere mich. Versuche mit meiner Kraft sein Gebet zu verstärken, will es hoch heben, an die Pforten des Himmels heben. „Vater unser, der du bist, du bist unser Vater, vergib...“ Wieder schwillt die Stimme des Alten an. „Die Schuld, die Schuld, vergib…!“
Die Worte prallen in stiller Wucht an die weiße Wand, torkeln zurück in den Raum, vervielfältigen sich, tanzen um meinen Kopf, blitzen auf und verlöschen. Sie bewegen meinen Körper, gleiten in ihn hinein, aus ihm heraus in den Tränen, die mir die Wangen nässen, mir vom Kinn tropfen. „…vergib mir meine Schuld, Vater!“
Tiefdunkel schlägt die Glocke die volle Stunde.
Ich falle aus dem Gebet auf den kalten Kirchenboden, meine in jähem Erwachen geöffneten Augen sind geblendet von Licht. Von weit her kehren die Gedanken spiralig zurück, auf den kleinen Punkt, auf dem ich stehe und deuten mit dem Finger auf die Uhr. Ich muss zurück. Noch einmal streift mein Blick über das Altarbild, sucht den alten Mann. Die Holzbänke in der Seitenkapelle sind leer. Verlassen fühle ich mich, als ich hinaustrete in brodelnden Straßenlärm, beinahe orientierungslos. Rot pulst das Bild hinter meiner Stirn: mitten unter uns.


Autor: Christine Hidringer (61 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Immer wieder ergeben sich Alltagssituationen, wie hier das Betreten einer Kirche aus kunsthistorischem Interesse, die sich durch einen anderen Menschen in etwas völlig anderes verwandeln. Das fasziniert mich immer wieder und ist häufig Anlass für das Verfassen kleiner Texte.
Quelle: Die Autorin selbst