Auf gute Nachbarschaft
In den ersten Jahren meines Lebens habe ich nichts von deiner Existenz gewusst. Mit voller Wucht bist du mitten in der Pubertät in mein Bewusstsein geknallt. Nichts ist mehr wie vorher. Alles ist in Frage gestellt. Schon als kleines Mädchen habe ich dich geschmeckt wie den Muff im Mund nach dem Aufstehen mit pelziger Zunge. Habe geahnt, dass etwas nicht stimmt mit mir. Das Schlimmste ist: Ich werde dich nicht mehr los. Du warst immer schon da und hast es dir in meinem Körper gemütlich gemacht. Du hast mich nicht mal gefragt. Viele Jahre habe ich dir das richtig übel genommen. Viele Jahre dachte ich, ich würde für etwas bestraft werden, oder hätte es irgendwie verdient.

Meine Freiheit ist jedenfalls weg. Die hast du mir geklaut. Ich bin abhängig von meinen Medikamenten und ohne mein Ärzte- und Therapeutenteam wäre ich verloren. Du zwingst mir ein Lebensbündnis auf, das ich mir niemals ausgesucht hätte. Ich würde so gerne aufwachen, mir die Augen reiben und feststellen, dass das alles bloß ein blöder Traum war. Einfach wieder in die Normalität zurückkehren, abenteuerliche Zukunftspläne schmieden und unbeschwert das Leben genießen. Stattdessen ist von geringer Lebenserwartung die Rede. Jahrelang habe ich befürchtet, einfach tot vom Stuhl zu kippen. Dein Einfallsreichtum an Folgeerkrankungen ist beachtlich. Damit bleibst du völlig unberechenbar und jagst mir eine riesige Angst ein. Angst ist ja solange gut, wie sie einen vor Gefahren warnt, aber als Dauerzustand ist sie natürlich ein sehr schlechter Lebensberater.

Du bist die größte Nervensäge meines Lebens. Trotzdem frage ich mich immer häufiger, ob ich ohne dich die wäre, die ich heute bin. Mein Blick auf die Menschen hat sich deutlich verändert. Bei dem so verbreiteten Selbstverwirklichungswahnsinn bleibt die Mitmenschlichkeit zu oft auf der Strecke. Menschen mit einem Handicap bekommen das besonders zu spüren. Ich natürlich auch.

Mit dir kommt man ohnehin nur mit einer gehörigen Portion Mut aus. Im Laufe meines Lebens bin ich ganz schön mutig geworden. Ansonsten könnte ich wohl nicht so schnell und gezielt entscheiden. Während andere Menschen noch von ihren Wünschen und Zielen reden, bin ich längst dabei, meine umzusetzen. Auch meine kostbare Lebenszeit wertschätze ich sehr. Es ist gut möglich, dass ich ohne dich nur halb so fröhlich wäre, weniger lachen und mein Leben viel verbissener angehen würde. Mein Humor und mein unbeirrbarer Optimismus sind ungebrochen. Vielleicht wäre ich sonst risikoscheu, würde meine Kreativität und meine Ideen nicht ausleben, sie bloß in meinem Kopf parken. Würde in einem Leben gefangen sein, welches nicht viel mit mir zu tun hätte.

Ich habe kein Gefühl dafür, wie es ist, gesund zu sein. Darum kann ich auch nicht einschätzen, welche gesunde Ich-Version heute vor mir stünde. Das einzige was ich sicher weiß ist, das dieses winzige, mutierte Gen mein Leben gehörig auf den Kopf gestellt hat. Und da das Damoklesschwert frühzeitiger Tod immer über mir herumfuchtelt, habe ich eines begriffen: Ein gesundes Verhältnis zum Leben, das den Tod mit einschließt, ist sehr wichtig. In diesem Punkt fühle ich mich tatsächlich frei. Das Thema Tod lässt mich nicht erstarren, sondern ich empfinde jeden einzelnen Tag als absolut lebenswert.

Umarmen werde ich dich trotzdem nicht, nur weil ich heute die bin, die ich bin. Vielleicht bist du dafür ja gar nicht verantwortlich. Aber eine Hand reiche ich dir trotzdem. Wir können ja zumindest gute Nachbarn werden, die sich zwar nicht mögen müssen, aber gegenseitig respektieren.


Autor: Simona Köhler (50 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Schreiben ist für mich abtauchen in eine andere Welt. Der Alltag tritt in den Hintergrund, ich konzentriere mich nur noch auf die Geschichte, die ich schreibe. Schreiben lässt mich ungesagtes oder unsagbares ausdrücken, tröstet, lenkt ab und macht den Kopf frei. Manchmal kläre ich meine Fragen über das Schreiben. Schreiben bedeutet für mich auch, in dem Moment frei zu sein. Frei alles das aufzuschreiben, was mir in den Kopf kommt und was aufs Papier muss, was raus will.
Quelle: Die Autorin selbst