Das Seil
Ein Mann geht über eine scheinbar unendliche Wiese. Keine Stadt, kein Dorf, nicht einmal eine halb zerfallene Hütte ist zu sehen, die darauf schliessen liesse, dass der Mensch sich in dieser Weite niedergelassen hätte. Überhaupt sind in voller Blüte stehende Bäume, manchmal einzeln, dann wieder gruppenweise, das Einzige, dem der Mann auf seinem Weg begegnet.
In der linken Hand hält er einen groben Holzpflock, an dem ein Seil angebunden ist, das er durch seine Rechte gleiten lässt. Seit langer Zeit geht er nun schon, während seine Spur, das schnurgerade Seil, das er hinter sich, im kniehohen Gras zurücklässt, immer länger wird.
Eines Tages bemerkt er, dass das Seil zu Ende geht. Er wickelt sich die letzte Schlaufe von der Schulter und geht weiter, bis das Seil aus dem Gras hochschnellt und nun straff gespannt in der Ferne verschwindet. An diesem Punkt, zwischen zwei mächtigen Bäumen, rammt er den Pflock in die Erde und setzt sich daneben. Er hätte noch lange so weitergehen können, jedoch weiss er, weder traurig, noch besonders erleichtert, dass hier das Ende ist. So sitzt er da, unter den rauschenden Baumkronen, aus denen von Zeit zu Zeit eine der schweren Blüten fast geräuschlos zu Boden fällt und blickt schweigend dem Seil entlang. Als er seine Hand sanft darauflegt, bemerkt er, dass ein Zittern durch das Seil fährt. Er schliesst die Augen und hält sein Ohr an das Seil. Zuerst ist noch nichts zu hören, doch allmählich beginnt er, einzelne Stimmen herauszuhören. Ganz leise, fast nur ein Hauch, wird am anderen Ende des Seils gesprochen. Auf dem Weg, den die Schwingung zurücklegt, kommen andere Klänge dazu und vermischen sich mit den Stimmen, so dass am Ende, im leisen Surren, dem der Mann lauscht, die Worte, das Geräusch des Windes, der Gräser und der Käfer gleichzeitig zu hören sind und sich dabei doch nicht überlagern.
Lange sitzt der Mann so da, bis er plötzlich das Seil mit beiden Händen Umgreift und mit einem kräftigen Ruck daran zieht. Das Seil fällt und augenblicklich verstummen die Geräusche. Stück für Stück zieht er das Seil ein, bis es in einer grossen Rolle zu seinen Füssen liegt. Der Mann legt sich in das Gras und bettet seinen Kopf auf das zusammengerollte Seil. So liegt er da und blickt in die sanft wogenden Äste hinauf und während sich der schwere, süsse Duft der Blüten wie eine Decke über ihn legt, fällt er in einen tiefen Schlaf.


Autor: Silvan Beer (24 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Mehrmals in meinem Leben befand ich mich im selben Raum mit einem Menschen, der im Sterben lag. Der Blick einer sterbenden Frau prägte sich mir tief ein. Sie blickte in die Weite, weit über die Zimmerdecke hinaus, als wäre sie unter freiem Himmel. Dabei war sie komplett in sich gekehrt. Ihr Sohn sass bei ihr und ein Pfleger blieb kurz neben dem Bett stehen, bevor er hinausging, doch sie war weit weg. Dieser eine Blick hallt in diesem kurzen Text nach.
Quelle: eigener kurzer Text