Drum prüfe wo du ruhen möchtest
In meinen ersten Sommerferien starteten wir, mein Großvater und ich, unsere Tour. Am letzten Tag der Woche, in der meine Eltern sich von mir erholten und meine Großeltern die Freude an mir haben durften, packte mich Opa ins Auto und bevor er mich in einer kleinen Stadt im Nordwesten wieder ablud, machten wir einen Schlenker zu einem Ort, den er vorher ausgesucht hatte. Bei diesem allerersten Ausflug wusste ich nicht wonach wir suchten, doch wie sich herausstellte, waren wir auf der Suche nach einer Eisdiele, damit ich beschäftigt wurde und Opa seine Suche in Ruhe fortsetzen konnte. Bevor wir zum Auto zurückkehrten, kaufte Opa mir ein zweites Eis und beschwerte sich beim verdutzten Eisverkäufer, dass man in dieser Stadt überhaupt nicht schön ruhen kann. Auf der Weiterfahrt fiel ich in ein zufriedenes Eiskoma und als ich später am Abend von meiner Mutter ins Bett gebracht wurde, hatte die Erinnerung an die Zeit bei meinen Großeltern einen schokoladigen Eisgeschmack angenommen.
Im darauf folgenden Jahr war Opa ganz aufgeregt, als wir meine Heimreise antraten. Diesmal habe er ein wirklich schönes Plätzchen gefunden, sagte er und berieselte mich mit seiner Begeisterung über das Internet. Doch auf die helle Begeisterung über das Wunder der Technik folgte eine bittere Enttäuschung. Opa blickte sich entgeistert im unangenehm ziehenden Wind um. Der Baum, der uns vor dem einsetzenden Regen hätte schützen können, stand in wenigen Metern Entfernung uns direkt gegenüber. Zu ihm rüber blickend blieben wir noch eine Weile sitzen, während der Regen und mein Eis auf das halb ausgetretene und ausgebrannte Gras tropften.
Mit unserem dritten Ausflug in Folge konnte man von einer Tradition sprechen. Ich wusste noch immer nicht, was der Grund für unsere mal länger, mal kürzer ausfallenden Umwege war, hatte aber allmählich angefangen Fragen zu stellen und Oma hatte angefangen mit Opa zu schimpfen. Er winkte ab und einige Zeit später fanden wir uns in einer weiteren unbekannten Stadt wieder, in der wir als erstes den Friedhof ansteuerten. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir auch die beiden Jahre zuvor jeweils einen Friedhof aufsuchten. Ich musterte Opas Gesicht, als wir durch das Tor kamen, folgte seinem Blick zu den Grabsteinreihen und sah zu, wie seine Mundwinkel erschlafften. Ich wusste nicht was er gesehen hatte, aber seine Enttäuschung bewegte mich so sehr, dass ich ihm, zum ersten Mal seit Anfang unserer Reisen, mein Eins anbot. Er schüttelte lächelnd aber ablehnend den Kopf. Du würdest doch auch nicht wollen, dass solche auf die herumtrampeln, er deutete abschätzig mit dem Kopf auf die Menschen, die außer uns da waren. Ich lächelte verständnislos.
In dem Sommer bevor ich aufs Gymnasium kam, wurde Opa am linken Auge operiert, so nahmen wir für meine Heimreise den Zug. Auf etwa halber Strecke stiegen wir aus, holten uns am Kiosk Limonade und spazierten langsam zum Friedhof. Erstaunt standen wir schließlich vor einem hohen triumphbogenartigen Eingangstor aus hellem Sandstein und mit drei Durchgängen, über denen die großen eingemeißelten Buchstanden verkündeten: SIE RUHEN IN FRIEDEN. Mit einem glänzenden Auge betrat Opa den riesigen Friedhof. Zu beiden Seiten waren stämmige Bäume und Sitzbänke verstreut, durch die Mitte führte ein Weg zur prächtigen Einsegnungshalle und aus dem grünen Gras ragten hier und dort, jedoch nicht auf einer symmetrischen Linie dunkelgraue mürbe Grabsteine. Im spielenden Schatten einer mit Efeu bewachsenen Kiefer ließen wir uns auf einer Bank nieder. „Wirst du sterben, Opa?“ wollte ich endlich wissen. Er erriet sofort meine eigentliche Frage, lachte auf, wurde jedoch abrupt wieder still, als ob er den vorsichtigen Schritten auf dem Kies lauschen wollte. „Irgendwann mal ja“, sagte er friedvoll, schob seine Augenklappe auf die Stirn und ließ den Kopf auf die Sitzbanklehne fallen. „Denk dran, Tim, man ist viel länger tot, als lebendig. Da sollte man Wert auf eine schöne Aussicht legen.“


Autor: Anastasia Pastuchov (33 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Inspiration zu diesem Text ist meine neue "Heimat auf Zeit" - ich lerne dich erst kennen, möchte dir aber jetzt schon danken, dass du mir mit deinen wunderschönen Friedensgärten die Angst vor Friedhöfen nimmst.
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