Eine absolut kopflose Wahrheit
Merkt ihr es eigentlich noch?
Ist euch nie aufgefallen, wie
obskur, absurd, paradox, verrückt
das alles ist?
Da kann man glatt den Kopf verlieren!

- Oh, schnell einfangen, bevor er auf die Straße kullert -

Kopflos, wie ich auf einmal,
hastet ihr durchs Leben
und bildet euch ein,
die Wahrheit zu kennen.

Die einzig wahre, richtige, akzeptable,
unbestreitbare, einleuchtende,
eindeutig mögliche Wahrheit.

Und ihr schreit sie heraus.
Ihr schreit euch an.
Jeder von seiner Wahrheit überzeugt.
Jeder bestrebt, den anderen zu bekehren.

Jeder schreit.
Keiner hört zu.
Keiner hört den Fehler.
Er ist zu leise.

Eure Wahrheit existiert nicht.
Das ist die Wahrheit!
Es gibt nicht die einzig wahre, richtige,
akzeptable, unbestreitbare, einleuchtende,
eindeutig mögliche Wahrheit.
Da ist viel mehr.

Euer Geschrei ist nun ein kreischender Fluch:
"DU LÜGNER!!!"

Seht ihr nicht,
dass in jeder Lüge auch ein Körnchen Wahrheit
und in jeder Wahrheit der Keim zur Lüge steckt?

Die Wahrheit ist nicht schwar oder weiß.
Sie ist grau:
Mausgrau, stahlgrau,blaugrau, hellgrau,
dunkelgrau, graugrau - Irgendetwas.
Was weiß ich!

Nein, ihr könnt es nicht sehen.
Ihr denkt nicht darüber nach.
Kopflos denken funktioniert schließlich nicht.
Ihr bewahrt weiter auf eurem Absolutheitsanspruch.

Das ist so verrückt,
da flutscht mir mein Kopf unterm Arm raus.
Oh, ein Auto erfasst ihn.
Weg ist er.
Jetzt bin ich kopflos wie ihr.

Wer übernimmt nun das Denken?


Autor: Anna Mattern (25 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Der Text kam mir in den Sinn, als ich mal wieder mit den Demonstrationen in Dresden konfrontiert wurde. Mir fiel auf, dass die Menschen nicht miteinander reden, sondern versuchen, ihre Meinung durchzusetzen. Für sie gibt es nur schwarz oder weiß, aber nichts dazwischen.
Der Text fasst eine alltäglichen Erscheinung in Worte fasst, deshalb reiche ich ihn ein. Er soll zeigen, dass es doch etwas zwischen den Fronten gibt; zeigen, wie abstrus unser Verhalten beizeiten ist.
Quelle: Meine Gedichte