Dichten und Tun
Dichten und Tun


Als ich klein war, habe ich geglaubt, die Welt durch Gedichte zu verändern.

Als ich groß wurde, musste ich erkennen, dass das nicht möglich ist, dass man aber davon ausgehen darf, die Welt durch Taten zu verändern.

Also habe ich, als ich groß war, die Welt durch Taten verändert.

Das hat auch mich verändert und meinen Blick. Wer Taten will, der tut etwas und dichtet nicht.

Später musste ich erkennen, dass Taten auch nicht alles sind im Leben und dass sie die Welt oft weniger gut verändern als man glauben könnte.

Das hat mich wieder zu den Gedichten gebracht, die ja ohnehin nichts verändern.

Ich begann also mich wieder mit Dingen zu beschäftigen, von denen ich wusste, dass die Beschäftigung mit ihnen nichts ändert und eigentlich auch nichts bringt.

Natürlich glaubt man das nicht.

Aber was zählt schon ein Glaube, der so biegsam ist.


Autor: Stefan Hölscher (47 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Idee, dass Gedichte in der Welt nicht viel verändern, ist wohl korrekt. Der Fehler steckt in der Annahme, wir würden die Welt durch unsere Taten nach unserem Gutdünken gestalten können. Wer erkennt, dass das so nicht ist, kann sich beruhigt auch wieder Gedichten zuwenden.
Quelle: Laut Weise