Unfrei
Unfrei ist, wer glaubt zu verlieren.
Den Anderen zu verlieren.
Unfrei ist, wen es kümmert
was der Andere über einen denkt.

Er schleicht durchs Leben,
den Rücken gebückt,
- im Gleichschritt Marsch -
sieht er aus wie ein Stück –
ein Stück Glück wohl kaum.
Ein Stück Presswurst schon eher,
gedrückt in diese enge Pelle.
Der Unfreie lebt in dieser Presswurst und hofft,
dass sie dem Anderen schmeckt.
Sich selbst in diese Pelle zu zwängen
ist schon ein ganzes Stück –
ein ganzes Stück Arbeit,
ein Stückchen Kunst auch,
sich in dieser Form auszubreiten.

Aber der Andere ist ein undankbares Stück!
Er sieht nichts, hört nichts und sagt nichts.
Die drei Affen vereint im Anderen.
Der Unfreie tut und macht im Dauerlauf.
Hebt den Kopf, auf Zustimmung lauernd.
Frustriert laviert er den nächsten Schritt,
vertritt sich, ist verunsichert mit verstörtem Blick.
Und nur 1 Gedanke: Wann lässt er mich fallen?
Es geht nicht darum, DASS er fällt,
sondern dass er fallen gelassen WIRD.
Aber: Was ist schon Fallen?
Ist das Fallen nicht nur eine schnellere Form von Entschleunigung?
Ein nicht mehr gefallen KÖNNEN?

Und mit dabei:
Die große Angst vor dem Unbekannten.
Was kommt danach?
Wer fängt ihn auf im Netz ohne doppelten Boden?
Ja, das liebt er, der Unfreie.
Ein Netz mit doppeltem Boden und
eine Anleitung zum Leben und Bewegen.
Leben und Bewegen in einer scheinbaren Sicherheit.
Ein Schutz, der sich um ihn wickelt, enger, weiter, höher,
bis ihm die Luft weg bleibt.

Aber die Sicherheit, die der Unfreie fordert,
presst nicht nur ihn in eine Zwangsjacke,
sondern den Anderen auch.
Da sitzen sie dann mit verschränkten Armen,
unfähig zu leben und sich zu bewegen.
Der Unfreie kann sich nicht lösen.
Er hat Angst vor dem Sturz durch den einfachen Boden.
Und der Andere steht im Regen
mit seiner Zwangsjacke denn er glaubt,
dem Unfreien sei der Glaube an sich geraubt.

Der Unfreie sitzt in einem goldenen Käfig und
bezwitschert den Anderen –
der dirigiert.
Nein, falsch: der SOLL dirigieren –
was der Andere aber ignoriert.
Das Lied immer lauter, immer schriller.
Die höchsten Töne spuckt er durch die Gitterstäbe.
Und der Andere?
Schaltet sich aus!
Vergessen das balzende Zwitschern, Pfeifen, Tirilieren.
Und so geht es, tagein, tagaus.

Das Rad ist am Laufen,
immer schneller, immer schneller.
Der Unfreie kann nicht einfach aussteigen,
denn das Rad dreht sich zu schnell.
Zum Aussteigen braucht er Mut, der Unfreie.
Mut zu Stürzen!
Und der Andere?
Der auch!


Autor: Rike Myers (38 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Zu Zeiten meiner Großeltern wurde geheiratet und in der Regel hat der Tod die Scheidung vorgenommen. Man sollte meinen, dass sich heutzutage und hierzulande Paare auf Augenhöhe begegnen und selbstbestimmt in Beziehungen rein- und wieder rausgehen. Aber dem ist (oftmals) nicht so. Ich beobachte mein Umfeld und erlebe ein déjà vu.
Quelle: Poetry Slam Text von Rike Myers