Ebenbürtig?
Helsinki hatte sich schon immer mit den Fäusten auf die Brust geklopft. Let me entertain you. Er war früh in den Stimmbruch gekommen und man brauchte ein tiefes Organ, um ihm standzuhalten. Für einen Lacher verpasste er damals mancher Seele ein blaues Auge. Irgendwann riefen wir ihn nicht mehr an, wenn wir in den Ferien unsere Rucksäcke packten.

Nach Jahren traf ich Helsinki wieder, in einer Mall. Er hatte eine Sporthose in der Hand. Seine Matte war zu einem Beamtenkranz geschrumpft und sein Hemd spannte am Bauch. An der Stelle, wo normalerweise ein Ehering saß, war die Haut heller. Aber wie er sich freute. Er denke so gern an die alten Zeiten zurück. Das rührte mich, also sagte ich Ja. Eine Tasse Kaffee nebenan ging schon in Ordnung.

Die Angestellte an der Kasse war so dünn, dass mir ihr bloßer Anblick Phantomschmerz bereitete. Sie wünschte Helsinki viel Spaß mit der Hose, sie sei ja nicht so für´s Laufen.
Helsinki empfahl ihr dringend den regelmäßigen Verzehr größerer Mengen Schnitzel, dann hätte sie auch wieder Lust. Er lachte. Ich schämte mich für ihn. Es war wie früher.

Die Frau sah sich um, als suche sie jemanden. Dann beugte sie sich zu Helsinki. Ich kann mir Fleisch nicht leisten. Helsinki starrte sie an und wurde rot. Auf diese Kapitulationserklärung war er nicht gefasst gewesen.

Der Supervisor kam aus dem Lager und ging zu der Frau. Was ist denn nun schon wieder los? Kein Problem, sagte sie. Kein Problem, sagte Helsinki, und wir trollten uns.

Das Kaffeetrinken haben wir dann doch vertagt. Helsinki hatte noch einen Termin. Seitdem denke ich darüber nach, was der Supervisor gefragt hat.


Autor: N W (48 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Zwischen den Zeilen zu lesen, ist schwer.
Quelle: keine Quelle