Kröten schlucken III
Kröten schlucken III

Ich frage mich, ob Hilde, die immer zusammenzuckte wenn es an der Tür klingelte, dann ängstlich zur Tür lief, sie öffnete und in das Treppenhaus hinunter horchte, ob Hilde, wenn sie morgens aufstand, vielleicht immer erst mal an Julius dachte, wie er vor ihr stand, damals, Juni 45, mit seinen braunen Augen und seinem dunklen Haar, mit der Aktentasche in der Hand, darauf wartend, dass sie ihm noch die Brotbüchse zusteckte, die sie in aller Eile morgens gefüllt hatte, einen Apfel dazu, wie er vor ihr stand, vielleicht im Anzug, auf dem Weg ins Büro oder auf ein Amt oder zur Kohlenkartenstelle, wie er vielleicht noch einen Blick in das Kinderbett wirft, kurz vor dem Gehen, wie er sich zu ihr hinunter beugt zu einem Kuss, wie er dann los will oder als es klingelte und zwei, drei Männer, Sowjetsoldaten, die Treppe hinauf stürmen, den Mann packten, den Julius, ihn vielleicht schlagen, wie sie sich, Hilde, davor wirft, wie die Soldaten sie vielleicht schlagen oder sie beiseiteschieben, wie sie den Mann packen und aus der Wohnung zerren, wie sie sich, Hilde, vielleicht vor die Tür stellt, hinter der das Kind schläft oder das Fenster öffnet, wie sie vielleicht schreit oder weint oder ganz stumm und still die Hände vor den Mund legt oder wie einer der Männer sie von hinten festhaltend, die Hände vor dem Mund, zur Ruhe bringt, wie sie vielleicht Julius die Treppe herunter stoßen und sie, Hilde, die Brille aufhebt, die sie ihm, Julius, vom Gesicht geschlagen haben oder die Aktentasche oder die Brotbüchse, die Kohlenkarte oder den Mantel. Ob ihr später irgendjemand gesagt hat, geschrieben hat, ob wieder einer die Treppe hochkam, der Genosse von nebenan, von dem Hilde weiß, dass er früher auch in der NSDAP oder der Volkspolizist oder ein Sowjetsoldat und die Mütze zog und sagte, dass er ihr mitteilen müsse, es täte ihm leid oder ob sie ein amtliches Schreiben, dass ich noch nicht gefunden habe oder ob sie es vernichtet oder in den Ofen und im welchen Ofen Julius oder ob sie ihn vergraben, am Wegesrand, auf irgendeinem Marsch in diesem Lager. NKWD. Oder ganz woanders, ob da einer ihm die Augen zugedrückt oder ob sie alle aufeinander geworfen oder es gar keiner gemerkt hat oder ob es ein Genickschuss oder einfach nur der Hunger. Ich frage mich, ob es für Hilde besser war, dass sie nur wusste, er sei in Bautzen geblieben, einfach nur irgendwo geblieben. All die Jahre Was sie jetzt sagen würde, wenn ich ihr sagen würde oder vorlesen, was sie mir geschrieben haben. Ob das besser wäre. Ich frage mich, ob sie immer wieder irgendwohin gegangen ist und gefragt hat, was mit ihrem Julius ist, wo er ist, ob er noch lebt, was er denn verbrochen hätte, sie hätten doch immer gesagt, ganz ohne Grund ist da keiner und wenn doch, würden sie das genau prüfen, aber mit den Jahren und den vielen Prüfungen hätten sie doch wohl etwas gefunden und sie möchte gern fragen, was das denn sei oder gewesen sein soll. Und man ihr sagte, dass das alles schon seine Richtigkeit hat und man im Übrigen nichts für sie tun könne, da sie hier, im Polizeipräsidium, auch nichts erfahren würden und auch nicht zu fragen hätten oder keine Antwort bekämen, dass das nicht in ihren Händen läge und nur einzig und allein in denen der Besatzer, der ruhmreichen Sowjetarmee, unseren Freunden und dass sie ihr aber auch keine Todesnachricht geben könnte, das schon gar nicht. Wie sie so etwas denken könne. Und dass die Amerikaner es auch so handhaben würden. Mit den Lagern und den Internierten. Und dass ihr Mann, der Julius ein Verbrecher war, weil dort nur Verbrecher seien und dass sie sich da ganz sicher sind. Sie sich da ganz sicher sein kann. Wie es wäre, würde sie noch leben und wir darüber sprechen. Ich mit ihr. Warum sie mich nie gebeten hat, als es möglich wurde, als die Archive öffneten, warum sie mich nie gebeten hatte, nachzufragen. Hat sie davon nichts gewusst, nichts gehört, nichts mehr wissen wollen.


Autor: Andrea Temme (54 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Vergangenheit und Gegenwart, Ost/West verstehen (wollen/können)
Quelle: Romanentwurf