Kröten schlucken II
Kröten schlucken II
Ich frage mich, ob da ein Brief kam, vom Krankenhaus oder vom Stiefvater. Von Nachbarn. Mutter am achten Mai 1945 im StadtKrankenhaus Bautzen verstorben. Und wie Julius, einen kleinen Koffer packt und einige Papiere einsteckt. Aber nicht den Wehrpass, denn er ist ja entlassen. Wie er Urlaub beantragt oder noch gar nicht wieder arbeitet. Wie er seinem Chef sagt, er müsse nach Bautzen. In das Krankenhaus oder in den Trümmern der Stadt seine Mutter suchen oder beerdigen, das Nötige veranlassen, identifizieren. Und der Chef wortlos nickt. Und er dann zum Bahnhof geht und prüft, ob noch oder wieder ein Zug fährt. Nach Bautzen. Die breiten, leergeräumten Straßen zum Bahnhof geht, Trümmerstaub in den Augen. Er sich nicht zurecht findet, den Weg nicht mehr erkennt, oder kenntnisreich über Trümmerberge steigt. Über Leichen. Bis er am Bahnhof ist. Vor dem keine Häuser mehr stehen. Da aber nichts fährt und er vielleicht zu Fuß oder doch ein Stück mit irgendeinem Zug und dann zu Fuß oder ob er sich nur nachts durch die Wälder oder mit einem Flüchtlingstreck. Ob es gar nicht auffiel, da so viele unterwegs waren, weg von den brennenden Städten, weg vor den Russen, einfach weg und weg und weiter. Und ob er Oma Hilde einen Kuss auf die Wange und gesagt hat, in einer Woche bin ich wieder zurück. Er aber fast vier Wochen braucht, überhaupt vorwärts zu kommen und ich merke, wie ich mir das nicht vorstellen kann. Wie hart und unerbittlich ich mir das damals anhörte, was Hilde erzählte. Vom Krieg und vom Hunger und von Julius Mutter im Massengrab und dass Julius damals in Bautzen geblieben war und mich das nichts anging und ich die merkwürdigen Fotos betrachtete, die aus Zeiten stammten, die Jahrhunderte zurücklagen, so sahen sie aus. Und ich Hilde etwas vom Krieg erzählte, so wie wir ihn in der Schule gelernt hatten. Aber hat Hilde nicht gesagt, Opas Mutter ist damals in Dresden umgekommen. Hilde hat immer gesagt: UMGEKOMMEN und in einem Massengrab. Und in Dresden. Ums Leben gekommen. Aber nun in Bautzen. Im Krankenhaus. So steht es in der Sterbeurkunde. Hat man das ganze Krankenhaus evakuiert. Nach dem Angriff auf Dresden, am 13. oder 14. oder 15. Februar fünfundvierzig. Oder vorher schon. Wollte man Leben retten. Auslagern. Ausgerechnet nach Bautzen.Und wie Julius dann in Bautzen ankam und keine Orientierung hatte und keine Ahnung, wo das Krankenhaus und er wieder über Trümmer, durch rauchende Straßen, weil es hier noch im letzten Moment ganz furchtbare Kämpfe und wie er hungrig und müde und mit dem Köfferchen und einigen Papieren in der Brusttasche, vorbeieilende Hohlgesichter mit Handwagen oder einem Bündel im Arm, fragte, wo hier das Krankenhaus und dann irgendwann die Stelle fand, wo einst das Krankenhaus und ein Oberarzt im weißen Kittel, mit den Händen im Schutt, fragte nach dem Sterben seiner Mutter und dieser ihn ansah, als wäre er nicht von dieser Welt und dann vielleicht ein LKW hielt oder ein kleineres Militärfahrzeug und fünf Sowjetsoldaten ausstiegen und ihn erst freundlich anlächelten, dann aber Papiere sehen wollten, sich die Papiere der Reihe nach ansahen, erst der erste Soldat oder Offizier, dann der zweite, der dritte und dann einer von ihnen ein Zeichen gab und sie ihn, rechts, links unter die Arme griffen, den Koffer aus der Hand schlugen, in der vielleicht Hildes Stullenpaket oder die Brotbüchse, wie Julius dabei seine Brille verlor und so schnell nicht denken konnte, nicht reden, wie das alles geschah und wenn er redete, die Offiziere ihn auch nicht verstanden oder verstehen wollten oder einer sagte, was denn macht ein Mann mit vierunddreißig Jahren aus Magdeburg in Bautzen und sie vielleicht sagten, du Nazi oder Spion oder was auch immer und er hinten auf die Pritsche, wo schon andere saßen und oder in den kleinen Wagen, eingeklemmt zwischen den Sowjetsoldaten, sie ihm aber keine Suppe herunter – oder herreichten, wie ich es in der Schule gelernt habe, sondern Handschellen und ihn ins Lager brachten.


Autor: Andrea Temme (54 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Vergangenheit und Gegenwart, Ost/West verstehen (wollen/können)
Quelle: Romanentwurf