Kröten schlucken 1
Kröten schlucken I

Auf Anfrage bekomme ich Post vom Suchdienst aus München:
„Ihr Großvater, Julius Kramer, zuletzt wohnhaft in Magdeburg, wurde am 12.06.1945 in Bautzen durch die sowjetische Besatzungsmacht als Spion festgenommen. Am 27.07.1945 erfolgt die Verlegung vom NKWD – Speziallager in Bautzen in das NKWD – Lager in Tost. Herr Kramer ist am 05.10.1945 verstorben. Eine Todesursache ist nicht angegeben. Wir nehmen an, dass er im NKWD – Lager in Tost seine letzte Ruhe gefunden hat.
Die Verstorbenen des Lagers wurden in Gemeinschaftsgräbern beigesetzt. Grabanlagen sind heute nicht mehr vorhanden.
Die Anschuldigungen, die zur Festnahme führten, können vielfach nicht mit heutigen rechtsstaatlichen Maßstäben gemessen werden, viele Verhaftungen erfolgten aufgrund von Denunziationen und Willkürakten. Ihre Anfrage bleibt bei uns gespeichert.“ Julius also, mein Großvater. Ein Spion.
Oder war es Zufall oder Willkür oder beides. Ist er vom Bürgersteig weggeschnappt worden. Um das Soll zu erfüllen. In Bautzen alle Nazis hinter Gittern. Hundert Prozent.
Ich kann keinen mehr fragen. Oma nicht. Meine Mutter nicht.
„Wir nehmen an, dass er im NKWD – Lager in Tost seine letzte Ruhe gefunden hat.“ Ich kaue stundenlang auf diesem Satz herum. Der aber nicht verdaulich ist. Wie diese Frösche oder Mäuse. Die sie ihnen gegeben haben, wie ich es in einem Gedenkheft gelesen habe. Mäuse und Frösche. Im Lager den Häftlingen. In den Mund gestopft und ihnen solange die Nase zugehalten, bis sie sie schluckten. Die Mäuse und Frösche. Und sie wieder erbrachen. So würge ich an dem Ruhesatz aus München. Der Suchdienst nimmt an, dass er Ruhe gefunden hat. Seine Ruhe vor allem. Die letzte. Ein Satz, wie ein glattgezogenes Tuch. Zur Versöhnung. Mit dem Schicksal. Mit dem Tod. Hier ruht er in Frieden. In einem Gemeinschaftsgrab. In einer Kiesgrube. Sie schreiben Gemeinschaftsgrab nicht Massengrab. Tröstliche Verschleierung. Zusammen mit Tausenden Toten. Gestorben in einem der grausamsten Lager des NKWD. Wie mir die Gedenkbibliothek mitteilt. Als Spezialkontingent in einem Speziallager. Warum. Ich durchsuche die Kiste. Den abgegriffenen Pappkarton, in den Oma alles gelegt hat. Den mir meine Mutter in die Hand gedrückt hat. Nimm du ihn, hat sie gesagt, bevor wir die Tür, hinter der Oma Jahrzehnte gelebt hatte, für immer zuzogen.
Wieder nehme ich die Fotos heraus, die Arbeitsverträge, die Taufbescheinigungen, die Zeugnisse, die Briefe. Seinen Wehrpass. Grün, Reichsadler mit Hakenkreuz, roter Stempel: Heer. Wehrnummer, sein Name, Julius Name, Nummer des Arbeitsbuches, keine Nummer für die Erkennungsmarke. Wehrbezirkskommando 1 – Magdeburg. 24. Oktober 1939. Drei Monate nach der Hochzeit. Sein Passbild, strenger Scheitel, Anzug und Krawatte, das Foto durchlöchert und genietet, seine Unterschrift schräg über die rechte Bild–Ecke. Angaben zur Person. Führerschein: Klasse drei. Gemustert. Ärztlich untersucht als Dienstpflichtiger: g.v. Heimat. Ersatzreserve I. siehe Seite sieben – schräg durchgestrichen, drübergeschrieben. Kleines g - kleines v - Heimat.
Ich versuche den Wehrpass zu deuten. Zu entziffern. Ins Heutige zu übersetzen. Zwischen den Zeilen zu lesen. Ich, Kind der DDR, diktaturerfahren, kann so etwas. Denke ich. Immer habe ich zwischen den Zeilen gelesen. Lesen müssen. Ein halbes Leben lang. Von Auslassung zu Auslassung. Julius also, ein Sanitätsgefreiter. Keine Beförderungen. Keine Orden und Ehrenzeichen. U.K. Stellung bis auf Weiteres. Entlassen nach Magdeburg. Ich merke, wie Julius immer rätselhafter wird. Wie jedes Dokument, das ich zur Hand nehme, die Sachlage verwirrt. Wie es vielleicht niemand wirklich erklären kann. Wie es Julius vielleicht selbst nicht hätte erklären können, wenn er jemals etwas zu erklären gehabt hätte. Julius ist nicht gefallen. Er war noch nicht einmal mehr im Dienst. Er war unabkömmlich. Er ist dann vier Wochen nach Kriegsende in Bautzen „geblieben“. Wie Oma immer sagte. Und bis zum Schluß glaubte.


Autor: Andrea Temme (54 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Vergangenheit und Gegenwart, Ost/West verstehen (wollen/können)
Quelle: Romanentwurf