Winterbild
Vollkommen still trudelten die Schneeflocken durch die kahlen Äste der Bäume.
Eine glitzernde Schicht bedeckte alles, wurde immer wieder aufgewirbelt und zerstob. Alle Geräusche waren gedämpft, verflossen zu Schatten ihres Klangs.
Die ganze Welt schien hier still zu stehen, hatte den Atem angehalten und beobachte staunend wie ein Kind den Schnee, der zauberhaft herabrieselte.
Keiner bemerkte die alte Frau, die durch die nackten Baumkronen still zum Himmel aufsah, der sich bereits langsam verfinsterte, obwohl es noch nicht spät war.
Ihre Haltung war aufrecht, ganz und gar nicht die einer gebeugten Großmutter. Sie hielt sich völlig gerade, die Hände locker vor dem Bauch gefaltet. Trotz ihrer unzähligen Falten war sie wunderschön. Ihr Haar, das eben so weiß war wie der Schnee, floss ihr in sanften Wellen bis zur Hüfte, schimmernd im kalten Licht.
Doch das Fremdartigste waren ihre Augen, die weder vom Alter getrübt noch resigniert aussahen. Sie waren von einem unnatürlich intensiven Blau, kaum zu vergleichen mit dem Ozean. In ihnen lag ein Glanz, wie ihn nur Liebe hervorruft.
Es knirschte leise, als sie mit bloßen Füßen durch den Schnee ging, ihr nachthemdartiges Gewand schwang um ihre Beine. Es hatte nichts von Wahnsinn, als sie mit klarem Blick die Hände hob und sich zu drehen begann, sich drehte wie sie es vor so vielen Jahren als Mädchen, als kleines Kind getan hatte. Die Arme ausgebreitet, drehte sie sich, ein leises Lächeln im Gesicht und die geheimnisvollen Augen geschlossen.
Der Schnee um sie wirbelte auf und bedeckte allmählich ihre Schultern, ihr Haar und Gesicht.
„Próspero“, flüsterte sie und verzog das Gesicht vor Schmerz. Eine Träne rann ihre Wange hinab und tropfte lautlos in den Schnee.



Autor: Aliena Schuler (20 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Das Schreiben ist für mich eine der Formen der Magie in unserer Welt. Worte zaubern Realitäten, verschönern und verstecken, schaffen und entrücken. Worte bergen immer das Potenzial für alles- für absolute Schönheit und totale Grausamkeit. Ich bin ein Fan von Sprache und spiele gerne damit; was sonst gibt einem die Macht zu tun, was immer man will, wenn nicht die Fantasie, die man in Sprache ausleben kann? Literatur ist daher nicht nur eine Art sich auszudrücken und darzustellen, es ist eine Flucht aus der Realität und gleichzeitig ein Werkzeug der Realität.
Quelle: Autor