Die Quintessenz einer jeden Unterhaltung
„Denn, was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.“ Dieses Zitat stammt aus Goethes Werk Faust und zeigt, dass das gedruckte Wort zu dieser Zeit sehr vertrauenswürdig war. Doch es wäre wohl zu schön um wahr zu sein, wenn wir wirklich in jeder Situation alle angedachten Andeutungen schriftlich und schwarz auf weiß hätten. Spätestens wenn in unserem nächsten Arbeitszeugnis wieder einmal von unserer geselligen Art die Rede ist, die zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen hat, dann sollten wir uns dringend darüber Gedanken machen, ob wir nicht ein Alkoholproblem haben.
Zwischen den Zeilen gibt es in diesem Beispiel also einen tieferen Sinn, der nicht unmittelbar aus dem Geschriebenen ersichtlich ist. Dieses Problem beschränkt sich allerdings nicht nur auf die schriftliche Kommunikation. Auch in der verbalen und non-verbalen Kommunikation werden viele Andeutungen zwischen den Zeilen gemacht. Beispielsweise zeigt uns unser Chef durch seine Körpersprache, dass wir diese Aufgabe besser schnellstmöglich erledigen sollten. Oder unser Partner beziehungsweise unsere Partnerin macht uns durch Mimik, Gestik und Tonfall ihre Einstellung dazu deutlich, wer heute für den Abwasch verantwortlich ist. Doch ist das wirklich ein Problem? Wahrscheinlich würde es wahrhaftig weniger Missverständnisse in unseren Unterhaltungen geben. Gleichermaßen würde aber ein Teil unserer Kommunikation verloren gehen. Früher war es für viele Menschen sehr wichtig in einem Brief etwas zwischen den Zeilen auszudrücken. Denn ein Brief konnte leicht in falsche Hände geraten und so war diese Art der Kommunikation eine Form der freien Meinungsäußerung.
Noch heute ist eine solche Verschlüsselung in vielen Gegenden der Welt von Bedeutung, gleichwohl sich die Kommunikationsmedien gewandelt haben. Die meisten haben sicherlich schon erlebt, dass ein Satz mittendrin abgebrochen oder mit drei Punkten beendet wird oder dass die eigentliche Aussage nur indirekt durch logische Schlussfolgerungen erschlossen werden kann. Dadurch üben wir uns in logischen Schlussfolgerungen und Interpretationen, was heutzutage wichtige Fähigkeiten sind. Darüber hinaus machen für mich erst Bedeutungen zwischen den Zeilen den wahren Reiz einer schriftlichen oder persönlichen Unterhaltung aus. Mit dem Gegenüber auf einer Wellenlänge sein, sich mit allen Sinnen auf eine Unterhaltung einlassen. Außerdem wäre es wahrscheinlich äußerst schwierig alle Andeutungen, die wir ausdrücken wollen, allumfassend schwarz auf weiß aufzuschreiben oder im Gespräch zu nennen.
Deshalb sollten wir nicht der Vorstellung nachjagen, wie schön es doch wäre, wenn es keine Kommunikation zwischen den Zeilen mehr geben würde und wie wenig Missverständnisse es dann noch gäbe. Denn eine Kommunikation zwischen den Zeilen wird es immer geben. Sie hatte früher eine wichtige Rolle, sie hat es heute und sie wird es auch in Zukunft haben. Viel bedeutender ist Achtsamkeit in der Kommunikation, sich mit allen Sinnen auf den schriftlichen oder verbalen Austausch mit einem anderen einlassen und dadurch auch zwischen den Zeilen lesen zu können. Und vielleicht gibt es dann in einigen Jahren in Anlehung an Goethes Zitat ein weiteres berühmtes Zitat, dass da lauten könnte: „Denn, was man zwischen den Zeilen wahrnimmt, das ist die Quintessenz einer jedweden Unterhaltung.“


Autor: Christoph Wagner (23 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Literatur ist neben dem Sport meine große Leidenschaft. In meiner Freizeit schreibe ich leidenschaftlich gerne und lese Bücher. Meine Leidenschaft für die deutsche Sprache wurde schon in der Schule geweckt, in der Deutsch immer mein Lieblingsfach gewesen ist. Diese Leidenschaft ist bis heute geblieben.

Ich schreibe unheimlich gerne, da ich dadurch meine Gedanken in Worte fassen kann und andere daran teilhaben lassen und mit ihnen darüber sprechen kann. Das schreiben hilt mir auch dabei einen freien Kopf zu bekommen und meine Gedanken zu sortieren. So sind meine Texte ein Teil von mir selbst und ich hinterlasse Spuren auf dieser Erde. Spuren, die hoffentlich auch dann einmal bleiben, wenn ich selbst nicht mehr da bin.

Quelle: Der Text stammt aus keinem literarischen Werk, er enthält lediglich ein Zitat aus Faust von Johann Wolfgang von Goethe