All das Fragen
Üppig springt der Frühling unter den blauen Himmel, erreicht Väter, Mütter, Kinder, alte Menschen. Das Lebensrad schwingt, ich häng mich dran und warte auf den tiefen Fall in mir, der kommt, der immer kommt, wenn die Welt um mich tobt, wenn die Luft schwirrt und die Menschen plötzlich alles können.
Gegenüber im Café sitzen schwangere Frauen, harren ihrem Familienglück entgegen, unterhalten sich leise, wirken bedächtig, die Bäuche versteckt unter raffiniert geschnittenen Kleidern. Ich frage mich, warum und wende den Blick in die andere Richtung. Vor dem Kiosk sitzt ein dicker Junge, der an einem Wassereis lutscht.
Wo bleiben all die Antworten auf meine Fragen? Das Rad schleudert mich herum. Ich fliege, taumele, falle. Unbeirrt davon die Bäuche. Mein Blick trifft den des Jungen. Ein scheues Grinsen huscht über sein Gesicht. Verlegen schaut er weg.
Woher nehmen die Leute diese Unverdrossenheit in ihren Bewegungen, wenn ich sie im Park beobachte? Woher nehmen sie diese Kühnheit, diesen Mut? Vom Morgentau gestärkt, vom Tageslauf angetrieben, immer den Wind im Rücken. Das ist das Geschick der anderen.
Das zitronenfrische Frühlingsrund am Himmel zieht Kreise um meine Fragen und bleibt ihnen fern genug. Es nimmt seinen Lauf, wird dottergelb bis hin zu einem Blutrot, das später tiefer rutscht und schließlich in die Nacht fällt.
Die Leute im Park sind weg. Ich denke an die Bäuche, an den Jungen und das schattenhafte Grinsen. Ich merke, wie die Nacht Samt um die Bäume spannt und das Tagtreiben weit fortträgt. Das Lebensrad schnarrt aus der Ferne. Ich werfe meine Fragen von mir, soll das Rad sie doch auffangen und durch die Welt schleudern. Auf wen auch immer.
Ich jedenfalls behalte meinen Bauch nicht für mich unter einem raffiniert geschnittenen Kleid.


Autor: Adrienne Brehmer (48 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Die Frage nach dem Sinn des Lebens, die Erkenntnis des Scheiterns an dieser Frage, die Mühle des Zweifelns an sich selbst und die Hoffnung, die trotz allem bleibt. All das kann ich nur über das literarische Schaffen verarbeiten.
Quelle: eigenes