Es ist alles gesagt
Es ist alles gesagt.
Es ist alles schon gesagt worden.

Wir sind anders.
Wir sind der Anfang. Wir denken die Gedanken zuerst, von denen andere später behaupten, sie wären ihrem eigenen Gehirn entsprungen. Und es glauben.
Eine Illusion.
Wir schreiben Texte, die wissen, was sie sind und was sie wollen. Mit Titeln, die das unverkennbar wiederspiegeln.
Wir sind anders.

Wir sollen anders sein.
Man drängt uns den Drang auf, der Anfang zu sein. Gedanken zuerst zu haben, zu glauben, sie wären unserem eigenen Gehirn entsprungen.
Man nennt sie Individualität, die Illusion, nach der man uns zu streben drängt.
Leben gestalten. Dein Ding machen. Du selbst sein.
Veganismus. Frutarismus. Omnisexualität.
Boom der Alternativen. Alternative Fakten, Alternative für Deutschland, alternative. 21th Century. Das Zeitalter der Möglichkeiten.
Einundzwanzigtausend Möglichkeiten, anders zu sein.
Anti-Mainstream-Mainstream.
Allroundtoleranz.
Die Hoffnung, wenigstens die Suche nach dem einen Gedanken, den noch keiner gedacht hat, wenigstens die Reflexion über die Illusion Individualität wäre individuell.
Individuell illusorisch.

Wir wollen anders sein.
Wir wollen Texte schreiben, die etwas wollen. Die etwas sagen, was noch keiner gesagt hat. Und weil unsere Texte das nicht können, bauen wir [eck]ige Klammern ein; Semikolons, wo keine hingehören, ignorieren großundkleinschreibung und ortografische Normen.
Syntax-Boykott.
Interpretationsresistente Ellipse wird Gedicht.
Wir verkaufen unsere seltsam gedruckte Prosa als Lyrik.
Enjambement statt Reim.
Anti-Mainstream.
Wir alle.
Anti-Mainstream-Mainstream.

Wir wollen anders sein, um jeden Preis.
Wer sind wir? Die Generation Z.


Autor: Milena Reinecke (16 Jahre)
Motivation für diesen Text, Schreib- oder Leseerfahrung des Einreichers: Eines schönen Tages las ich eine Anthologie, die vor Semikolons, eckigen Klammern und anderen scheinbar kunst- oder wirkungsvollen Elementen strotzte, woraufhin ich das Bedürfnis hatte, mich ebenso kryptisch zu diesem generationstypischen Individualitätszwang zu äußern - und zu dem schriftstellerischen Problem, das schon alles gesagt ist.
Quelle: Es ist schon alles gesagt